Neue Zürcher Zeitung
Schwarze Traviata
Ken Saro-Wiwa: «Lemonas Geschichte»
Die Todeszelle hat der Literatur schon öfters als makabrer Beichtstuhl für fiktionale Bekenntnisse gedient. Mit «Lemonas Geschichte» aber hält man einen Text in der Hand, dessen Verfasser während der Niederschrift des Buches demselben Schicksal entgegensah wie seine Hauptfigur. Dennoch ist das Manuskript aus dem Nachlass des nigerianischen Schriftstellers und Umweltaktivisten Ken Saro-Wiwa, der 1995 im Angesicht einer empörten Weltöffentlichkeit hingerichtet wurde, weder zum persönlichen noch zum politischen Testament geraten.
Vielmehr leiht Saro-Wiwa, ein zentrales Anliegen seines erzählerischen Werks noch einmal aufgreifend, einer Frau seine Stimme, die im zu Treibsand erodierten Gefüge der nigerianischen Gesellschaft nie Fuss zu fassen vermochte. Er komponiert die Geschichte einer schwarzen Traviata mit gelegentlich überhöhter dramatischer Zeichnung, die durch die allzu leichte Schraffur des Seelenlebens seiner Charaktere leider nicht immer ausgefüllt wird. Lemona, die bestechend schöne Protagonistin, wird ohne Schulabschluss aus ihrer armseligen dörflichen Kindheitswelt als Dienstmädchen in die Stadt geholt, lässt mit wachsender Faszination die zunächst unerwünschten Annäherungen des Hausherrn über sich ergehen und wird am Ende von der aufgebrachten Gattin mit Schimpf und Schande verjagt. Damit ist das weitere Lebensmuster vorgegeben: Wo immer sich ein männlicher Retter zeigt, wächst auch Gefahr, was die Protagonistin im Rückblick auf ihre Lebensgeschichte etwas gar zu regelmässig und ohne jede Selbstkritik einklagt noch die beiden Männer, die über der Liebe zu ihr einmal mehr, einmal weniger unschuldig zu Tode kamen, betrauert sie vorab als verpasste Chance im eigenen Lebenslauf.
Saro-Wiwa scheint ganz hinter seiner Protagonistin zu stehen: er lässt Lemonas Monolog ablaufen, ohne dass ein erkennbar gesetztes Signal einen auf Distanz zu ihrem Plädoyer rücken würde. Allerdings markiert der Autor eine solche Position, indem er Lemonas eigene Selbstbezogenheit in derjenigen ihrer Zuhörerin spiegelt. Die Leser wie auch die Hauptfigur ahnen längst, in welchem Verhältnis die junge Frau zu der wegen mehrfachen Mordes Verurteilten steht; als auch dem Mädchen selbst klar wird, dass es seine leibliche Mutter vor sich hat, entzieht es sich wort- und kommentarlos Lemonas indirekt, aber mit kaum verhohlener Dringlichkeit ausgesprochenen Appellen. Aus dieser Rahmenhandlung reflektiert ein kaltes Licht zurück auf die ganze Erzählung: mehr als eine Reihe mehr oder minder wohlgepolsterter Einzelzellen hält Saro-Wiwa zumindest in diesem Roman für seine Figuren nicht bereit, und Pardon wird selbst dort, wo ein traditionsbewusster Librettist eine weichere Note einfliessen liesse nicht gegeben.
Angela Schader
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
... das ergreifende Vermächtnis eines Märtyrers der Menschenrechte, den das nun wieder zur Demokratie zurückkehrende Nigeria hoffentlich als einen seiner großen Söhne in Erinnerung behalten wird.
Ken Saro-Wiwa hat ein anklagendes Buch geschrieben, ohne den Zeigefinger zu erheben. Er war ein brillanter, mit allen Wassern gewaschener Erzähler: ›Lemonas Geschichte‹ verschlingt man in einem Zug, fasziniert von Lemona und entsetzt vom Geschehen.
›Lemonas Geschichte‹ lebt von seiner politischen Brisanz - und das recht gut. Die Todeserwartung der Hauptfigur als auch des Autors Saro-Wiwa geben dem Text eine besondere Intensität.
Die Erzählung ihrer Geschichte wird von dem tiefen Humanismus Saro-Wiwas getragen: Das macht diesen geradeheraus erzählten Roman zu einem anrührenden Lektüreerlebnis.
Rau, ungeschönt, heftig pulsierend erscheint die Prosa von Ken Saro-Wiwa, dem Stoff und der Situation rundum angemessen. ›Lemonas Geschichte‹ ist in der Reihe ›dtv-premium‹ erschienen, die auch sonst Beachtung verdient.