Oho - das böse Wort ist ausgesprochen worden: Hype! Tatsächlich sind in wichtigen Zentralorganen der deutschen Musikpresse Hymnen auf dieses Album verfasst worden. Da das in letzter Zeit aber etwas wahllos geworden ist, sollte man bei so etwas tatsächlich immer genau hinsehen. "Lemming" weist Kontinuitäten zu seinen Vorgängeralben auf, ist aber auch anders als "Saurus", "Winter" oder "What matters is the Poem". Ein neues Album von Locas in Love hat sich immer von dem unterschieden, was die Band zuvor gemacht hat (eine ihrer großen Qualitäten). Wir haben es also einerseits auch hier wieder mit Popmusik im Zeitalter der Postmoderne zu tun, aber dieses Mal kann man erkennen, wie die Band versucht mehr als bloß ein tolles neues Album zu schaffen, sondern dass es hier um ein Gesamtwerk geht. Es gibt auf "Lemming" selbstverständlich die hübsch gestreuten Zitate (die textliche Reminiszenz an 'Let it be' in 'Spoiler Warning', das Sgt. Pepper's Riff in 'Die zehn Gebote' und die John-Cale-Paris-1919-Trompeten in 'Manifest'), die übereinander geschichteten Gitarren und vor allem in den Songschlüssen den Hang zum ausufernden Mäandern. Auch der typische Wall-of-Sound gepaart mit dem treibenden Velvet-Underground-Rhythmus ist wieder da, sogar ein fernes Echo aus Björn Sonnenbergs eigenem frühen Songwriting (Dackel 5) ist zu erkennen (bei 'Ist das Blut?', inklusive Pete Townsendschen Powerakkorden). So weit, so gut, so bekannt. Neu ist bei "Lemming", dass es kein überragendes Stück gibt, wie es auf dem letzten Album 'Saurus' oder 'Egal wie weit' waren, aber dafür auch kein einziges, das abfällt (auch das gab es auf den Vorgängern). Jeder Song ist hier auf seine Weise interessant und großartig. Neu ist auch, dass die Keyboardriffs deutlicher im Vordergrund stehen und die Songs häufiger tragen (z.B. die Yo-La-Tengo-Orgel in 'An den falschen Orten'). Und schließlich gibt es auch Verschiebungen bei den Texten, die auf "Lemming" weniger Geschichten erzählen und stattdessen assoziativer sind. Neben immer wiederkehrenden Themen und Metaphern wie Zerstörung, dem Affen auf der Schulter, dem Schrecken der Welt und der (Un)möglichkeit in einer von all dem durchdrungenen Welt zu leben, steht dieses Mal die Liebe noch deutlicher im Zentrum. Es ist die Liebe in den Zeiten des Spätkapitalismus, sie ist allumfassend, radikal, kompromisslos, schön. In den beiden zentralen Stücken des Albums wird sie aus weiblicher und männlicher Perspektive verhandelt (Björn in 'Manifest', Stefanie in 'An den falschen Orten'). Wie kann man verliebt sein, aber dennoch politisch bewusst zu handeln? Oder im Adornoschen Sinne im falschen Leben richtig leben? Um nichts weniger geht es hier. 'Wenn ich es in Worten sagen könnte, was ich zu sagen habe, gäb' es keinen Grund noch ein weiteres Lied zu schreiben, immer noch ein weiteres Album zu machen, aber ich kann es nicht, ich kann es nicht; und es wird immer, immer dasselbe sein, und es wird immer, immer so weitergehen'.
So ist es. Und warum soll es ein Hype sein, wenn die seit Jahren beste deutsche Band endlich das verdiente Lob bekommt?
Ich freue mich auf das Ennio-Morricone-goes-GodspeedyoublackEmperor-Instrumental-Doom-Album, die Neueinspielung von "Pet Sounds" oder den Soundtrack für einen Godard-Film. Oder einfach das nächste Album.