Obwohl Locas In Love schon immer für Unbedingtheit und Konsequenz standen, sind die neuen Songs von einer künstlerischen Radikalität, die ihresgleichen sucht. Es geht darum, Dinge zu sagen, die gesagt werden müssen. Dinge, die nur Locas in Love sagen können. Sätze, die den Widerspruch persönlich – allgemeingültig auflösen, weil sie so persönlich sind, dass sie allgemeingültig wirken müssen. Die Musik, die nun losbricht, kündet von den Möglichkeiten und der Unbegrenztheit dessen, was alles passieren könnte: Jubilierender Noise-Rock ertönt, My Bloody Valentine spielen mit Stereolab, es jauchzt und kracht. Die Musik antwortet dem Text. Es spricht für sich, dass
Lemming zwar ihr textlich radikalstes, aber auch ihr bislang schönstes Album ist.
Es ist alles wirklich so schlimm wie es scheint singen sie, doch es klingt so zart und hymnisch, dass sich nichts anderes als Zuversicht einstellen mag.
Lemming ist eine bald seufzende, bald dröhnende, dann wieder jubelnde Platte. Während anfangs noch der Noise-Ohrwurm
Road Movie und das cool tuckernde Kraut-Pop-Stück
An den falschen Orten als offensichtliche Hits herausstechen, wird bald klar, dass die Band noch aus den sperrigsten Stücken die enthemmte Hymne herauszukitzeln in der Lage ist. Der
Lemming muss voran, sein Getriebensein kennt keine Schüchternheiten: Folglich jault und kracht und wummert es hier, dass es nur so eine Art hat. Die Flaming Lips treffen auf Suicide; Velvet Underground spielen Technicolor-Pop.
Locas in Love sind wie der
Lemming, der nicht anders kann, der einfach nur muss. Hier ist alles enthalten: die radikale Forderung, der völlige Unbedingtheitswille, der Drang nach Relevanz, das Nicht-anders-können, das Machen-müssen.
Vor allem aber zeichnet diese Musik etwas aus, was lange – nicht nur bei deutschsprachiger Musik – gefehlt hatte: Attitüde. Zwar werden keine expliziten Phrasen des Aufruhrs gedroschen, aber aus jedem Ton dringen Haltung und ein gänzlich selbstverständliches Anderssein: Diese Band klingt, als könnte man an sie glauben.
Eric Pfeil (Autor von
Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee – Die Pop-Tagebücher bei Kiepenheuer & Witsch)
Pressestimmen:Locas In Love entpuppen sich auf der Spielfläche des strahlenden Pop vollends als eine der größten Bands des Lande. Die Locas finden sich auf ihrer neuen großen Spielfläche aus Shoegaze, Noise und Kraut so gut zurecht, als wären sie dort von Beginn an zu Hause gewesen. Die Folgen sind eindeutig: »Lemming« hat die besten Liebeslieder, die besten Protestsongs, alles so leicht und gewitzt, als wäre das kleines Einmaleins. Dazu Zitate, die viel besser als nur Zitatpop funktionieren, nämlich auf der vollen Klaviatur der Emotionen von zart bis hart. Sagen wir es einfach: das beste unprätentiöse deutschsprachige Indie-Pop-Album seit vielen Jahren. Nageln Sie mich darauf fest.
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Christian Steinbrink, INTRO
Locas In Love aus Köln veröffentlichen demnächst das Album
Lemming und es übertrifft tatsächlich alles, was ich mir von dieser Band nach ihrem letzten regulären Werk
Saurus erwartet habe. Deshalb, weil diese Band für mich eine musikalische wie textliche Glaubwürdigkeit verkörpert, die man innerhalb der Konstruktion Pop als befremdlich empfinden müsste, wenn sie nicht so cool und dabei doch beseelt daherkäme. Alles hier wirkt abgerungen, erkämpft, in Schlachten erobert und danach mehrfach auf jeden Zweifel hin abgeprüft - und trotzdem klingt es so wunderbar leicht und selbstverständlich, dass ich mich frage, wann im deutschen Pop (außer bei Erdmöbel) es zuletzt soviel Leben und Liebe zu hören gab. Nein, ich bin nicht pathetisch, Sie sollten mich mal erleben, wenn ich meine pathetischen fünf Minuten habe!
Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen (Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug) heißt der Auftaktsong- und wie Björn Sonnenberg und Stefanie Schrank diesen zweiten titelspendenden Satz singen - ganz so, als habe man die froheste Botschaft der Welt zu verkünden -, das muss man gehört haben. In den folgenden zehn Songs fallen Sätze wie Es ist alles wirklich so schlimm wie es scheint oder Ich weiß nie, welchen Draht ich durchschneiden soll: den roten oder den blauen.... Und trotzdem haben diese Stücke eine trostspendende Kraft, die ihresgleichen sucht. Auch in der Musik knallt das Zerknirschte immer wieder auf das Euphorische, Donnernde: Velvet Underground spielen hier eins ums andere Mal mit den Flaming Lips zur großen Jetzt-gilt-es-Sause auf. Wirklich: Besser wird es 2011 nicht mehr im deutschsprachigen Pop. Sorry, Ja, Panik.
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Eric Pfeil, Das Pop-Tagebuch, FAZ