Udo Müllers Lektürehilfe versucht mehr als nur Hilfe zu sein, bemüht sich, selbst interpretatorisch tätig zu werden, und übergeht dabei 50 Jahre Iphigenie-Forschung. Heute noch von einer "klassische[n] Botschaft bedingungsloser Humanität" der Iphigenie zu sprechen, degradiert nicht nur das Werk selbst zu einer idealisierenden und Harmonie vorspielenden Realitätsflucht, sondern ignoriert schlichtweg die großen und vielgerühmten Aufsätze Adornos, Jauß', Raschs u. a. zu diesem Thema - was verwunderlich ist, hat sich Müller sonst doch offensichtlich stark an Raschs Autonomie-Analyse orientiert. Daß er bei solch immer noch diffizilen Fragestellungen wie der Heilung des Orest völlig versagt, ist in diesem Zusammenhang nicht weiter verwunderlich, aber doch eine unglaubliche Leistung. Die durchaus gelungene Strukturierung dieses Textes entschuldigt solch Mängel keinesfalls. Die Vorstellung, Müllers 'Lektürehilfe' wird mit inzwischen weit über einem halben Dutzend Auflagen wohl immer noch in den Schulen gelesen, entäuscht auf's äußerste.