'Wir geloben unsere Kinder in Ruhe zu lassen. Wir verweigern uns dem grassierenden Konsumismus, der vom Augenblick ihrer Geburt an in das Leben unserer Kinder eindringt. Faule Eltern sind kreative Eltern. Wir bleiben so lange wie möglich im Bett liegen. Wir arbeiten beide so wenig wie möglich, vor allem, solange die Kinder noch klein sind. Zeit ist wichtiger als Geld. Nieder mit der Schule. Wir übernehmen die Verantwortung.'
So beginnt der Leitfaden für faule Eltern.
Auf den folgenden 316 Seiten gibt es 19 Kapitel mit Fakten, Erläuterungen und Ratschlägen zum Thema Elternschaft. Tom Hodgkinson schreibt, was er denkt und was er mit seiner Familie erlebt hat. Er sagt, er habe absichtlich keine aktuellen Erziehungsratgeber gelesen, bevor er den Leitfaden geschrieben hat. Er ist aber sehr belesen, und das Repertoire in seinem Kopf, von Dingen die irgendwann einmal gesagt oder geschrieben wurden, ist riesig. So finden sich in dem Buch viele zitierte Aussagen und Ansichten von pädagogischen Vordenkern, wie zum Beispiel John Locke aus dem 17. und Jean-Jacques Rousseau aus dem 18. Jahrhundert.
Wer das Buch liest, kommt zu folgendem Schluss: Faule Eltern haben unerzogene Kinder. Sie verbringen Zeit mit ihren Kindern und machen nicht beim Förder- und Forderwahn mit. Familienausflüge finden am Strand statt, wo mit Steinen, Muscheln und Algen gespielt werden kann. Freizeitparks und dergleichen, in denen Familien einsam für sich ihr Geld ausgeben und die Kinder den nicht erworbenen Konsumgütern hinterher weinen, werden gemieden. Faule Väter liegen auf dem Sofa und geben Aufgaben an ihre Kinder ab. Kinder von faulen Eltern sind eigenständig und selbstbewusst.
Tom Hodgkinson wurde nicht als perfekter fauler Vater geboren. Er beschreibt immer wieder, wie er in Familiensituationen scheitert und sich Alternativen überlegen muss. Diese Einblicke in sein Privatleben machen das Buch angenehm unüberheblich. Er ist kein Pädagogen-, Psychologen- oder Medizinergott, der seine vollkommenen Weisheiten an Eltern weiter gibt. Er ist auch nur ein Vater. Zufällig einer, der das Schreiben gelernt hat. Und das ist ein weiterer Punkt, der das Buch lesenswert macht. Es ist gut geschrieben. Poetisch und wahr.
Der Autor beschäftigt sich hauptberuflich mit dem Nichtstun. Er ist Gründer und Chefredakteur des Magazins The Idler. Er hat bisher die Bücher How To Be Idle, How To Be Free und The Freedom Manifesto geschrieben. The Idle Parent ist jetzt die logische Fortsetzung seiner Publikationsliste, denn auch Menschen, die den ganzen Tag versuchen, nichts zu tun, werden manchmal Eltern. Leider ist die Übersetzung des Wortes 'Idle' nicht gut gelungen. How To Be Idle wurde noch zu Anleitung zum Müßiggang, bei The Idle Parent wurde aus 'Idle' dann 'Faul', was aber eindeutig zu negativ besetzt ist. Im Deutschen fehlt wohl die wirklich passende Vokabel, oder die Übersetzer von Rogner & Bernhard, dem Verlag der deutschen Ausgaben, haben sie einfach noch nicht gefunden.
Auch das Cover für die deutsche Ausgabe ist nicht annähernd so hübsch wie die Zeichnungen auf der Originalausgabe. Auf der Internetseite zum Buch sind sie aber neben einigen anderen netten Dingen zu sehen: http://idler.co.uk/news/the-idle-parent.
Tom Hodgkinson erklärt, dass es nicht darum geht, faul herum zu liegen. Er versucht, so viel Zeit wie möglich mit schönen Dingen zu verbringen. Und so geht es ihm dann im Leben mit Kindern folgerichtig nicht um einen Laissez-faire-Erziehungsstil, sondern darum, eine gute, freie und intensive Zeit als Familie zu verbringen.
Einige Menschen halten ihn für einen gesellschaftlichen Querdenker, ein Enfant terrible. Die Vermutung, er wolle mit seinem Nonkonformismus und den provozierenden Thesen das Hinterfragen gewohnter Denkmuster erzwingen, ist wohl die direkte Folge eines gesellschaftlich stromlinienförmigen Lebens. Dass er die Forderung 'Nieder mit der Schule!' ernst meint, ist für viele Köpfe in diesem Land undenkbar und wird deshalb als provokanter Denkanstoß missverstanden.
Im Kapitel über die Schule beschreibt er, welche Alternativen es in England zur Regelschule gibt. Er zeigt auf, wie Familien der Schule entgehen oder zumindest einen flexiblen Umgang mit dem Schulsystem leben können. Mitten im Kapitel taucht eine Bemerkung auf, die ein gutes Fazit hätte werden können: 'Der wichtigste Faktor bei alldem ist vermutlich die geistige Haltung der Eltern. ( . . . ) Schon das Wissen um die Grenzen der Schule als Ort der Bildung kann ausreichen, um ihre Kinder frei zu machen.'
Es ist ein tolles Buch. Bitte lesen. (Kittie Toldmie)