Nach zwanzig Jahren Vertrautheit mit dem Film und sechs erlebten Vorführungen möchte ich mir eine Wertung erlauben - auch wenn sie viel zu spät kommt. Was ist dieser Film zerrissen worden. Die meist (ab)wertenden Stereotypen ähneln sich wie ein Ei dem anderen. Obsessiv wird dabei die "Kulisse des 3. Reichs" oder umgangssprachlich laxer, weil zeitgemäß verpflichtender, die "Nazikulisse" angegangen - als ob geradewegs sie es ist, die den Film problematisch, die Handlung letztlich unterbelichtet erscheinen ließe oder die Regisseurin Liliana Cavani es nicht hinbekommen habe, die Geschichte einer fatalen Dreicksbeziehung durch eben diese "Kulisse" zu steigern. Die eigentliche Handlung ließe sich auch vor einer anderen Kulisse mit anders gezeichneten Figuren spielen. Das sie im Berlin der späten 1930er Jahre spielt, darf als film-ästhetisches und rein kompositorisches Stilmittel gelten - nicht mehr und nicht weniger. Seltsamerweise kommt man bei Viscontis "Die Verdammten" zu weitaus harmonischeren Schlussfolgerungen, obgleich mir die in Szene gesetzte Kulisse des 3. Reichs gerade in diesem Film als verunglückt erscheint, denn sie wirkt künstlich und wahnsinnig unecht. Ingmar Bergman, auch er wie Visconti ein Kenner und Liebhaber des Deutschen, versteht es, deutschen Stil und Kulisse in seinen Filmen so zu händeln, dass es glückt. Aber an Visconti will sich keiner ranwagen. Tatsächlich lebt "Die Verdammten" von der überragenden schauspielerischen Leistung der Darsteller, eingebettet in die modifizierte Historie der Krupp-Dynastie zu jener Zeit. Wahlverwandtschaften zu den Figuren in "Leidenschaften" lassen sich spielerisch erkennen, obgleich die Brutalität des Willens zur Macht in "Die Verdammten" noch kompromissloser gezeigt wird - auch weil der Gegenstand ein anderer ist. Beide Filme gehören zum gleichen Genre und im Vordergrund der Regie stehen die Zeichnung und Schöpfung subtiler Figuren, eine betörende Handlung und eine Kulisse, die großes Theater im ästhetisch besten Sinne nicht negiert. Was ist daran schlecht, falsch oder unerträglich? Bei diesen Filmen sucht man die Quadratur des Kreises schon deshalb vergeblich, weil jeder Regisseur Zugestädnisse machen muss und die Erfüllung letztlich nur in Einzelleistungen - wenn auch erst in der Gesamtschau erfahrbar - liegen kann. Es bleibt immer noch ein Kunst-Film der unterhalten möchte und keine artifizelle Dokumentation. Das sollte man berücksichten, bevor man (ver)urteilt.
"Leidenschaften - The Berlin Affair" beruht auf der Erzählung "Das buddhistische Kreuz" des japanischen Schriftstellers Junichiro Tanazaki, die in etwa zeitgleich mit "Tätowierungen" entstand. Darin geht es um eine junge Frau, der eine Spinne auf den Rücken tätowiert wird. Hierbei entfaltet der Schriftsteller eine Thematik, die für sein Schaffen prägend wurde: das subtile Machtspiel des Herrschens und Beherrschtwerdens, die wechselseitigen Verstrickungen des Begehrens bis hin zur Hörigkeit, die meisterhafte Verdichtung von Anspielungen und Erzeugung vielschichtiger erotischer Assoziationen, die Kombination idealisierter Schönheit und seelischer Grausamkeit.
Beides wurde von Liliana Cavani und Roberta Mazzoni (die auch das Drehbuch schrieben) nach Berlin in die späten 1930er Jahre übertragen. Dabei wurde die "Kulisse des 3. Reichs" von Kritikern maßlos überschätzt. Sie ist ein Mittel filmischer Ästhetik, ein kompositorisches, stilistisches Instrument, das aber kein Indikator für die Tragik der Handlung ist. Abträglich erscheint mir einzig die hinzu komponierte Figur des Kursleiters Benno. Der Raum, den er in der Handlung einnimmt, hätte man den beiden Frauen, Luise von Hollendorf und Matsuko, einräumen sollen, damit sich diese Figuren noch besser entfalten, ihre verborgenen Welten noch sichtbarer werden. Das hätte dem Film mehr Glaubwürdigkeit in jener Weise verliehen, da beide Frauen wirklich von starken Motiven getrieben sind, die in vielen Kritiken als flach und oberflächlich dargestellt wurden. Der Kursleiter Benno und sein Handlungsstrang bringt verdichtete Unruhe in den ersten Teil der Handlung. Die Figur ist für sich genommen nicht unglaubwürdig, denn im Sog kompromisloser Leidenschaften spielen Stellung und Herkunft ab einem bestimmten Punkt keine Rolle mehr. Gewagt? Vielleicht. Bei subtilem Stoff kommt es auf Feinheiten an und dieser Figur hätte es vielleicht auch gar nicht bedurft, um den Film dramaturgisch zu steigern. Der Regisseur als Schöpfer aber hat das Wort und ist animiert, es auszusprechen.
Vor der Kulisse eines euphorischen Berlins im Jahree 1938 entwickelt sich die Geschichte um tiefe Leidenschaft, Eifersucht und Missbrauch, welche die Abgründe hinter einer nur scheinbar harmonischen Oberfläche offenbaren. Gekonnt hineinkomponiert von den Autorinnen in diese Szenerie die Adaption aus der infamen Affaire um den der Homosexualität verdächtigten Oberbefehlshaber des Heeres, Freiherr von Fritsch, hier aber heruntergrbrochen auf eine adäquate gesellschaftspolitische Ebene und einen im Hause der von Hollendorfs verkehrenden hohen Offizier und seinen jungen Protegèe, bei der es darum ging, wie man Rivalen oder Kritiker methodisch auszuschaltet. Cavani führt einen Reigen des Machtmissbrauchs vor, bei dem man sich gegenseitig die Seiten umblättert. Unter dieser Oberfläche lauern mörderische Ängste und obsessive Gefühle, die selbst vor der gesellschaftlichen Keimzelle einer Ehe nicht Halt machen, die sich hier sogar als Hort von Verletzungen und schwersten Vergehen erweist. Luise von Hollendorf (Gudrun Landgrebe) ist eine aparte Frau. Hin- und hergerissen zwischen Loyalität als Ehefrau und verbotenen Gefühlen, gerät sie immer öfter mit ihrem Mann aneinander, der die japanische Botschaftstochter Matsuko, mit der Luise von Hollendorf einen Kurs für Aktmalerei besucht, vom ersten Moment an für die Verführerin seiner Ehefrau hält. Die Situation verschärft sich wirklich, als die Japanerin erste Annäherungsversuche auch bei ihm startet um ihn zu neutralisieren und das zunehmend verunsicherte Ehepaar zuerst einzeln, dann gemeinsam Fehler begeht und ihre Loyalität auf eine immer härtere Probe gestellt wird, bis das Ende (über das sich trefflich streiten ließe) unausweichlich wird.
Dieser Film ist ein Film, der unterhalten möchte. Er ist kein Erotikfilm ... und ist es doch verdeckt in Teilen. Fatal bleibt, dass er dennoch als Erotikfilm angepriesen, offeriert und verkauft wurde. Grotesk! Das konnte nur falsche Erwartungen wecken und zu Entäuschungen führen. Er ist kein psychologisches Lehrstück und auch kein Kabinettstück als Vorlage, es in Gegenüberstellung mit den Großen der Zunft durch den Fleischwolf des Puristen zu drehen. Das alles ist reichlich unproduktiv. Der Film lebt (neben einer sehr guten Filmmusik von Pino Donaggio) durch hervorragende schauspielerische Leistungen, die, in Persona, mit Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten und Tatsachen in immerhin fast 2 Stunden so gekonnt umgeht, dass er auch nach so langer Zeit und wiederholtem Genuss nichts von seiner Anziehung eingebüßt hat. Ein Film für manchen, nicht für jeden.