Eine fehlt immer. Das ist die übliche Erfahrung bei Anthologien, in Gemäldesammlungen, sogar bei Geburtstagspartys und Trauerfeiern: Irgendeinem fällt immer irgendeiner ein, der doch dazugehört hätte, den man aus diesen und jenen Gründen vermisst. Und wenn ihr schon Jules eingeladen habt, warum dann nicht auch Jim?
Darüber kann man lange reden; zum Schluss kommt immer der letzte Satz, der auch der Erste sein könnte: Wir hatten nicht mehr Stühle. Es gab nicht mehr Geld für den Bildertransport. Es hätten dann nicht eins, sondern zwei Bücher sein müssen.
Deshalb heißt es bei "Leidenschaften" schon im Untertitel: "99 Autorinnen" - weil immer eine fehlt zum vollen, zufriedenen Hundert. Natürlich kommt bei begrenztem Platz die anregende Diskussion, warum dann Mascha und nicht Vicky, gleich noch besser auf Touren. Unser vorläufig letztes Wort dazu findet sich am Schluss dieses Buches. Davor gibt es 99 Porträts, die von Autorinnen erzählen, die alle nur zweierlei gemeinsam haben: ihre Berufung und ihr Geschlecht. Und ein Drittes allerdings auch: Sie haben uns fasziniert.
Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter
(Vorwort, Seite 9)
Im Anfang war die Leidenschaft. Die amerikanische Autorin Margaret Mitchell, deren Südstaatenepos "
Vom Winde verweht" einen Unsterblichkeitsstatus erlangt hat, schmückt dieses seitenstarke Werk, welches dem interessierten Betrachter auf 640 Seiten genau 99 Schriftstellerinnen aus aller Welt und aus 2500 Jahren Kulturgeschichte näher bringen soll. Die Liebe zur Literatur und dem Lesen sind wichtige Anliegen der Verfasserinnen dieses Buches, die sich dabei ausschließlich auf die weibliche Seite der Schriftstellerschar konzentrieren. Und das aus gutem Grund. Lange Zeit waren die Männer Ton angebend in der Literaturwelt, ihre weiblichen Kolleginnen hatten nicht selten mit Schwierigkeiten und Widerständen zu kämpfen und manchmal haben die Autorinnen auch heute noch Probleme, sich in ihrem Beruf zu etablieren. Ums so erstaunlicher ist die Kraft und kreative Energie, die in den ausgesuchten Portraits immer wieder auffällt und die Schreiberinnen nicht selten zu Meisterwerken der Literatur inspirierte.
Die Portraits sind nicht chronologisch, sondern alphabetisch geordnet. So ergibt sich eine bunte Mischung aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen. Jede Autorin wird mit Namen vorgestellt und mit einer kurzen Überschrift betitelt, so zum Beispiel:
Isabell Allende - In der Schneekugel ("
Die Insel unter dem Meer")
Jane Austen - Enge Räume, weite Gedanken ("
Stolz und Vorurteil")
Anne, Emily, Charlotte Bronte - Das täuschende Trio ("
Jane Eyre")
Colette - Gesamtkunstwerk á la francaise ("
Cheri /Cheris Ende")
Annette von Droste Hülshoff - Erschüttert, aber nicht erdrückt ("
Die Judenbuche")
George Eliot - Ironie und Rührung ("
Middlemarch")
Hildegard von Bingen - eine einmalige Karriere ("
Über die Liebe")
Jean Rhys - Nicht fürs Glück geboren ("
Sargassomeer")
Virginia Woolf - Werkstatt des Eigensinns ("
Mrs Dalloway")
Die Kapitel zu den einzelnen Autorinnen beginnen jeweils mit einem Portrait (Bild oder Foto) der vorgestellten Dame, gefolgt von einem unterhaltsamen Essay und biografischen Notizen. Abgeschlossen wird das Portrait jeweils mit passenden Literaturempfehlungen.
Die Essays sind in einer schwungvollen Sprache mit viel Wortwitz verfasst. Sie verraten eine gute Beobachtungsgabe und viel Einfühlungsvermögen bezüglich der beschriebenen Person, ihrem Werk und Leben. Es macht Spaß die einzelnen Autorinnen zu entdecken, auch wenn man wohl schon von den meisten etwas gelesen oder gehört hat.
Wir erfahren, dass die französische Skandalautorin Colette nicht nur in ihrer Jugend sehr sportlich war, sondern mit 51 Jahren auch den Skisport zum ersten Mal für sich entdeckt hat, was ihr große Freude bereitete. Weniger sportlich war Annettes Leben, die als Dichterin vom Bodensee bescheidenen Ruhm erntete und sich nach der Freiheit eines Mannes sehnte. Und Hildegard von Bingen legte mutig die Worte des Apostel Paulus so aus, dass der Mann genauso für die Frau da zu sein habe, wie sie für ihn.
Manchmal kann die Wiederentdeckung einer historischen Persönlichkeit auch zu absurden Ergebnissen führen. Eben jene Nonne von Bingen nämlich rückt heute in den Fokus des Interesses, auch wenn es dabei weniger um historische Genauigkeit, sondern vielmehr um Vermarktungsstrategien geht. So erlebte eine Theologiestudentin, die neugierig von dem Teig für Plätzchen naschte, den sie nach einem Hildegard-von-Bingen-Rezept gefertigt hatte, eine sehr unangenehme Vision. Nach Entrückungszuständen mit anschließenden Todesängsten wurde sie von ihrem besorgten Partner ins Krankenhaus gebracht. "Muskatnussvergiftung" lautete dort die Diagnose, was kaum verwunderlich ist, da die Hobbybäckerin die vorgeschriebenen drei Teelöffel dieser Nuss getreulich in die Masse rührte. Am Ende des Essays zu der Prophetin am Rhein erklärt die Verfasserin dann auch noch recht ironisch, dass die Nonne selbst wohl kaum je Gebäck oder Speisen mit Muskat würzte. Dieses Gewürz war damals eine teure Importware und für eine bescheidene Betschwester viel zu teuer!
Die anregende Lektüre dieses abwechslungsreichen Werkes kann sehr gut als Inspirationsquelle fürs Lesen verwendet werden. Leidenschaftliche Leser, egal ob männlich oder weiblich, werden bestimmt viel Neues für sich entdecken!