Wie immer schreibt Iréne Némirovsky von zwischenmenschlichen Beziehungs-Konstellationen, beginnend vor dem ersten Weltkrieg, wo Frauen und Männer, auf der Suche sind, Ehepartner zu finden, sich sein Leben zu sichern,wo Zweckgemeinschaften gegründet wurden, wo Treue gelebt wurde, auch wenn im Innersten, in Gegenwart oder vergangener Zeiten Liebhaber existierten und sich trotz aller Gewohnheiten und gesellschaftlicher Normen, sich so etwas wie einstige Lieben und Leidenschaften in den inneren Bewusstseinswelten der damaligen Menschen, genauso wie heute bemerkbar machen. Verbringen wir doch oft unser Leben mit einem Partner und lieben im Grunde einen Anderen, oder haben einen Anderen geliebt, was sich auch nach 80 Jahren nicht geändert hat.
Es ist schon erstaunlich, wie ein Manuskript im Jahre 1942 von der Autorin, (bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde und dort starb), noch in Sicherheit gebracht wurde, und wohl von ihrer Tochter Denise Epstein über 60 Jahre aufbewahrt wurde, bis es 2005 an den IMEC (Institut Mémoires de l'édition contemporaine) übergeben wurde.
(Im Nachwort der Herausgeber von Olivier Philipponat und Patrick Lienhardt wird darauf kurz eingegangen, die auch schon in
Herr der Seelen: Roman das Nachwort verfasst haben und eine neue Biographie verfasst haben.)
Irène Némirovsky: Die BiographieErzählt wird aus Sicht des Protagonisten Silvio Vetter, der als Ich-Erzähler, die verschiedenen Lebensläufe verschiedener Paare und zweier Generationen schildert, von Colette und ihrem älteren Mann Jean, die ihre Eltern für ihre Art ihre Ehe zu führen bewundert und als Vorbild nimmt. Colette liebt im Grunde einen anderen Mann und hat sich mit Jean arrangiert. Durch einen dummen Unfall, bei der Jean um's Leben kommt, brechen Wahrheiten, verborgene Liebschaften, und vergangene Lieben zu neuem Leben auf, als ob sich die Liebe nicht aufhalten liesse, sich neue Wege für ihre Berechtigung einzufordern. Selbst an der als Vorbild genommenen Ehe ihrer Eltern, entstehen Risse, und alte Strukturen, dem Treusein eines langjährigen Ehepartners, beginnen zu bröckeln, als ob selbst die längst vergangenen Wahrheit ihren Weg ans Licht sich suchen würde.
Eine Art ländliche Tragödie wird hier aufgeblättert, wo Menschen sich mit ihren Lebenspartner arrangieren, und längst sich die Liebe im Stillen nach neuen Ufern und Menschen sich ausgebreitet hat. Némirovsky erzählt von verborgenen und vergangenen Lieben, wie verzweifelt wir sein können, wenn wir an der Seite eines Partners leben und gleichzeitig wissen, dass wir einen Anderen lieben. In welche angepassten Modi wir uns selbst oft aus Sicherheitsgründen manövrieren und zu leiden fähig sind, und wie sehr wir eigentlich lebendig werden, wenn wir aus einer authentischen Leidenschaft zu lieben fähig sind, die vielleicht viel tiefer geht und als Menschen noch viel mehr zu dem machen was wir sein wollen und im Grunde auch sind, liebende leidenschaftliche Liebespartner, die einander zu grossem Erleben fähig sind.
Mit wie immer grossem Feingespür, viel Einfühlungsvermögen und behutsamer Sprache, schildert uns Iréne Némirovsky das innere der damaligen Seelenwelten zwischen Mann und Frau, wo es darum geht, wie sehr wir bereit sind, unser Leben danach zu richten wen wir lieben und was wir dafür zu geben (oder aufzugeben) bereit sind und wie oft wir doch in angepasster selbstauferlegter Treue uns durch Leben schummeln und wir vielleicht durch unliebsame Zufälle aufgerüttelt werden, wo sich etwas in unserem Leben zeigen möchte, was etwas mit Wahrheit und Authentizität zu tun hat. Ein Roman der sich zwischen Vernunft und Strenge zum Einen, und Unvernunft und Leidenschaft zum Andern hin und herbewegt, wo Scham, Verzweiflung, Wahrheit,Leidenschaft, Illusion und Desillusion einen entsprechenden Mix abgeben, wo der Schrei nach Klarheit und Wahrhaftigkeit nicht mehr zu überhören ist.
So sehr ich die diese überaus talentierte Autorin des Zwischenmenchlichen schätze, so traurig macht es mich auch, dass sie in ihrem kurzen Leben nicht weiter leben durfte und dem Drama der Inteloranz nicht entgehen konnte. Wer die Notizen und das Nachwort aus ihrem Band
Suite française: Roman gelesen hat, weiss wie berührend und traurig ihr Leben geendet hat. (Dieser Roman wurde in 38 Sprachen übersetzt und wurde 1.3 Mio. mal verkauft). Iréne Nemirovsky zählt mittlerweile zu meinen Liebslingsautoren, sie schreibt über Lebensthemen die uns alle angehen, die etwas Zeitloses an sich haben, und an ihrer Aktualität nach weit über 60 Jahren nichts verloren haben. Durch ihr Schaffen wird sich wohl Iréne Némirovsky in die zeitlosen Klassiker einreihen, was ihre Literatur zu etwas Kostbarem aufleuchten lässt, was mich an dieser aussergewöhnlichen Autorin immer wieder von Neuem anzieht und im Leseerlebnis in berührter aber auch dankbarer Betroffenheit zurücklässt.