Es war der SPIEGEL Nr. 6 aus dem Jahre 1991, der mich erstmals auf ihn aufmerksam machte. (Genauer gesagt war es Helmut Montag, Cineast und kleiner großer Mann bissiger Ironien und politischer Provokationen im südwestlichen Rhein-Neckar-Kreis, der mich auf den genannten SPIEGEL aufmerksam machte.) - Es war die Zeit des ersten Golfkriegs, die Tage und Wochen davor, als Hans Magnus Enzensberger in dem Hamburger Nachrichtenblatt seinen vielbeachteten Artikel "Hitlers Wiedergänger" veröffentlichte. Ich erinnere mich noch gut: Man kaufte sich damals den SPIEGEL unter anderem wegen dieses Aufsatzes. Enzensberger verglich den irakischen Diktator Saddam Hussein mit dem größten Massenschlächter der Weltgeschichte Adolf Hitler. Seither wusste ich, von wem die Rede war, wenn sein Name fiel. Hans Magnus Enzensberger.
Und irgendwann, so nach 1998, stand er dann auch in meinem Bücherregal: Hans Magnus Enzensberger, "Leichter als Luft". Schwebend und davonfliegend, leichgewichtig wie ein Luftballon - Enzensberger selbst bedient sich der Helium-Heiligenschein-Parabel. Man musste das Buch erst einmal einfangen, um es lesen zu können.
In gewissem Sinne habe ich mich durchgequält, durch die 126 Seiten Enzensberger'scher Gedanken, die per definitione Gedichte (poéticas modernas) sein sollen. Das "Optimistische Liedchen" macht eher schwermütig. "Hie und da kommt es vor, / dass einer um Hilfe schreit. / Schon springt ein andrer ins Wasser, / vollkommen kostenlos." So muss es sein. Ist das nicht völlig normal? Und dass die Feuerwehr, "die schimmernde", um die Ecke kommt und dass sie löscht, wie Enzensberger weiter sinniert - ist nicht auch das: völlig normal; sogar im dicksten Kapitalismus, den Enzensberger sich nicht verkneifen kann, ihn in dem optimistischen Liedchen zu zitieren? Warum also dieses Aufhebens? Es ist von Personen die Rede, "die ohne gezücktes Messer / hin- und herlaufen, (...) / auf der Suche nach Milch und Radieschen." Der Optimismus quillt aus allen Poren. Der Kapitalismus, fett und mittendrin. "Ein herrlicher Anblick."
Enzensbergers Verlag, der damals noch in Frankfurt ansässige Suhrkamp-Verlag, legte Wert auf die Feststellung, dass Enzensbergers Verse nie durch bleierne Füße aufgefallen seien. Mürrische, schrille, jammernde Töne sind nicht die seinen. Auch zeichne sich, "was er schreibt, nicht durch Unverständlichkeit aus." Ich sehe das vielleicht ein bisschen anders. Es muss mir erlaubt sein.
Luftig leicht ist die Welt auch nicht in Hinterzimmern von Bierkellern, wo sich sieben Besoffene zwecks einer "Kriegserklärung" treffen um den Krieg zu proklamieren. Oder war es doch in der Akademie der Wissenschaften, wo er ausgebrütet wurde? Enzensberger bietet uns in Summe Orte des Entstehens kriegerischer Gedanken und Lüste, den "Kreißsaal von Gori / oder Braunau", wo sie gedeihen, oder "im Internet, / in der Moschee; das kleine Gehirn / des patriotischen Dichters schwitzt ihn", den Krieg, "aus; / weil jemand beleidigt ist, weil jemand / Blut geleckt hat, in Gottes Namen, / wütet der Krieg, aus Gründen der Hautfarbe, / im Bunker, im Jux, oder aus Versehen; / weil Opfer gebracht werden müssen / für die Rettung der Menschheit", und so weiter und so fort. Bis hin dazu, "weil uns nichts Besseres einfällt."
"Und Blum' und Früchte weiß ich euch / Gar zierlich aufzutischen, / Wollt ihr Moralien zugleich, / So geb ich von den frischen." Von den frischen was? - Schon im "Buch des Sängers", im West-Östlichen Divan gibt uns Goethe die "Vier Gnaden" des Heils und der Moral. Die Moral der Enzensberger'schen Luftblasen ist nicht weniger transparent als Goethes frische. Es steht die Frage, welche Sittsamkeit, welche Vernunft - Definitionen der philosophia moralis - den Autoren Enzensberger treiben. Immerhin gibt er der Moral einen bedeutenden Stellenwert im Untertitel seines Buches: "Leichter als Luft - Moralische Gedichte".
"Das, was vorher war", beschreibt Hans Magnus Enzensberger in dem gleichnamigen Gedicht. Es erzählt von einer Kultur des Vergessens. Wenn niemand mehr weiß, wer was gewusst hat. Wenn "Von denen, / die etwas damit zu tun, / die es getan haben" sich kaum noch jemand daran erinnern kann, dann ist kollektive Amnesie im Anzug. Daraufhin kommen die anderen, die nicht vergessen können, "Obwohl sie es nicht erlebt haben". "Den wenigsten ist es gegeben, / 'Keine Ahnung' zu sagen. / Manche Forscher leben davon. / Dass es niemand verstehen kann, / dabei wird es bleiben." Gegen die Kultur des Vergessens - die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg stehen als Paten und Zeitzeugen in historischen Dimensionen zur Verfügung - setzt Enzensberger eine Kultur des Erinnerns. "Die meisten glauben, / es sei vorbei. Nur selten / sagt eine schwache Stimme / einem ins Ohr, / dass es kein Ende nimmt."
Und was ist nun die Moral der Geschichte der Gedichte? Hält sie sich ans Konkrete, wie zu hören und zu lesen war? Am Ende des vorigen Jahrhunderts - der Gedichtband ist von 1999 - sei das einzig Richtige nirgends in Sicht gewesen. Es heißt, "Wo Politik und Alltag, Krieg und Liebe, Wahn und Vernunft, Idyll und Katastrophe unauflöslich ineinander verknäult sind, lässt sich das, was der Fall ist, nur noch im Modus des Tragikomischen beschreiben." Es gilt, "Mit anderen Worten / Dasselbe sagen, / immer dasselbe. / Mit immer denselben Worten / etwas ganz anderes sagen / oder dasselbe ganz anders. / Vieles nicht sagen, / oder mit nichtssagenden Worten / vieles sagen. / Oder vielsagend schweigen." Mit diesen "Optionen für einen Dichter" verwirrt uns Enzensberger einmal mehr. Doch Schweigen ist nicht sein Antritt, nicht sein Auftritt.
Wie schon angedeutet. Ich hatte mit dem Stil, teilweise auch den Inhalten, so meine liebe Not. Doch durch eine Immerwieder-Beschäftigung mit poetischen Notlagen können Gewöhnungseffekte eintreten. Plötzlich gefällt einem eine Kleinigkeit hier, eine Formulierung dort, ein aufgegriffener Gedanke, stille Einfalt, edle Größe (letzteres vergessen wir sofort wieder). - Ins Auge fällt die Vielfalt der poetischen Mittel. Neben der "reimlosen Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen", treten andere Formen: bis hin zum Schlager und Kalenderspruch; alles vorhanden.
"Wer über Enzensberger spricht, gerät unweigerlich in die Versuchung, sich ein wenig von seiner Verstandesheiterkeit zu borgen. Er hat so viel davon. Doch zugleich durchzieht seine Schriften ein Ernst, der sich hinter allem Spaß nur mühsam verbirgt, durchzittert seine Sätze eine Unruhe, die nicht nur etwas mit dem Temperament des Schreibenden, sondern auch mit seinen Themen zu tun hat. Der Zorn altert, die Ironie ist unsterblich." Soweit Wolf Lepenies, Autor und Publizist, über Hans Magnus Enzensberger, Autor, Publizist und Herausgeber.