Aus der Amazon.de-Redaktion
Mit Leichter als Luft nun hat Enzensberger wieder eine Sammlung vorgelegt, die gänzlich ohne die (im Untertitel ironisch suggerierte) Wucht didaktischer Belehrung auskommt: 78 nahezu schwerelos gemeisterte Kabinettstückchen zum Zustand unserer nicht nur bundesrepublikanischen Wirklichkeit, deren Scharfsinn und Musikalität - wie etwa im kritischen, den Hip-Hop-Ton parodierenden Gedicht "Höhenrausch" - gleichermaßen besticht. Nicht nur der bosnisch-serbisch-kroatische Krieg, das Thema unkontrollierbarer Gen-Manipulation, die hohlen Schlagwörter der "Bewußtseins-Industrie" wie das von der Globalisierung, die "Poetik der Lüge" oder die alltägliche Gewalt des Rechtsradikalismus finden da Beachtung, sondern auch Privates ("Im Taxi, heimwärts"), vorgeblich Peripheres: Fast scheint es, als habe hier neben Bertolt Brecht, Gottfried Benn und Artur Rimbaud (auf ihre Dichtung wird verborgen angespielt) auch William Carlos Williams mit seiner luziden Alltagslyrik Pate gestanden. Dieses lichte Oszillieren gibt dem Band Gewicht.
"Da war etwas Gutes / vorhin, / woanders. / Schade, /daß es so schwer ist, / sich an etwas Gutes / zu erinnern", hatte Enzensberger 1995 in seinem Gedichtband Kiosk geschrieben, dessen letzter Abschnitt bezeichnenderweise mit "In der Schwebe" überschrieben war. Leichter als Luft gelingt es vier Jahre später, dieses ironische Schreibprogramm souverän umzusetzen. "Vieles bleibt ohnehin / in der Schwebe", heißt es deshalb in jenem Gedicht, das der aktuellen Sammlung ihren Namen gab. Daß Enzensberger seine eigene Lyrik von der absoluten Schwerelosigkeit dadurch bewahrt, daß er sie nicht allzu perfekt geraten läßt, tut dem brillanten Band nurmehr gut. "Manche Gedichte zum Beispiel / wären vollkommen, / hätte sie vor diesem Los / nicht ein einziger Fehler bewahrt", konstatiert der Autor dementsprechend. Auch dafür kann der Leser nur dankbar sein. Manchen Allgemeinplatz - daß das Wort modern an modern erinnert, wie in "Die Kunst, ausweichend zu antworten" konstatiert, wußte freilich schon Alfred Döblin - wird man ihm deshalb gern verzeihen.--Thomas Köster