Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Berliner Hochkultur: In diesem Milieu kennt sich Elke Schmitter offensichtlich aus, und so hat sie hier auch ihren neuen Roman angesiedelt. "Du weißt ja, dass Neubert das Feuilleton der 'Täglichen' übernehmen soll." -- "Ich habe mit Ihrer verehrten Freundin vor Jahren eine Rundfunksendung bestritten, über die Erfahrung der Vergeblichkeit." -- "Bei mir findet am nächsten Sonntag eine kleine Lesung statt, ein Text zu Derrida, mit einer anschließenden Diskussion." -- "Es ist eine typische Schnyder-Inszenierung. Ich habe etwas Ähnliches letztes Jahr in Zürich erlebt. Allerdings zu Bach-Kantaten, also viel expressiver, schneller, auch vitaler." Das sind Sätze, wie man sie in diesen Kreisen offenbar von sich zu geben pflegt, und dieses Buch ist voll davon.
Wer nun glaubt, Elke Schmitters zweiter Roman nach ihrem hoch gelobten Debüt Frau Sartoris sei eine Persiflage auf das Schwätzertum der selbstreferenziellen Kulturelite, irrt. Verblüffenderweise widersteht sie der Versuchung, dieses Milieu zu karikieren; ihr Anliegen ist, es lediglich möglichst detailgetreu und lebensecht wiederzugeben. Denn der Elfenbeinturm Hochkultur ist nicht Thema, sondern nur Kulisse von Leichte Verfehlungen. Das Thema dieses Romans ist vielmehr die trügerische Romanze einer gestandenen Frau, ihres Zeichens Kulturtheoretikerin, die sich eines hochsommerlichen Morgens verliebt wähnt. Ihr Lebensgefährte Wolfgang ("der noch Foucault persönlich gekannt hat") ist auf Vortragsreise in den USA und damit aus dem Weg, so dass sich Selma Craiss, so der Name der verwirrten Mittvierzigerin, den neuen Empfindungen ganz ungebremst stellen kann. Während einige ihrer Freundinnen in parallel erzählten Handlungssträngen mit den Verstrickungen ihres eigenen Liebeslebens zu kämpfen haben, müht sich die versierte Theoretikerin, dieses vitale Lebensgefühl mit den ihr eigenen Denkmustern zu deuten und psychologisch einzuordnen.
Leichte Verfehlungen ist ein intelligenter Gesellschaftsroman mit viel leisem Witz. Man muss sich zwar oft seitenweise durch philosophische, soziologische und literaturhistorische Diskussionen, Gedankengänge oder Anmerkungen kämpfen, doch diese gehören irgendwie dazu, wie in anderen Genres die Landschaftsbeschreibungen. Insgesamt eine empfehlenswerte Lektüre für anspruchsvolle Leser, zum Nachdenken und gelegentlichen Schmunzeln. --Christoph Nettersheim
Kurzbeschreibung
Selma Craiss erwacht eines Morgens - und ist verliebt, und zwar nicht in ihren langjährigen Lebensgefährten Wolfgang. Als versierte Theoretikerin macht sie sich gleich daran, den Keimling dieser ungewohnten Empfindung unter einer dicken Deutungsdecke zu ersticken - und doch ergibt sie sich diesem lebendigen Gefühl, das wie ein Realitätsblitz in ihrer, der Vorstellungskraft geschuldeten Welt einschlägt. Und scheitert, natürlich. Von Jane Austen bis Evelyn Waugh: Der legendäre englische Gesellschaftsroman in all seinen Facetten stand wohl Pate für diese mit scharfem Blick und spitzer Feder geschriebene Grossstadtromanze - die, so könnte man sagen, auf einem Wahrnehmungsfehler basiert und deshalb ihr tragikomisches Ende findet, bevor sie überhaupt begonnen hat. Freundlich spottend, aber niemals denunziatorisch, wird in Leichte Verfehlungen von der freischaffenden Journalistin Selma Craiss erzählt, einer gebildeten Frau von über vierzig, mit eleganter, gleichwohl dezenter Garderobe sowie einem ausgeprägten Faible für Rorty und Derrida. Begleitet wird Selma durch diese romantische Eskapade von einer Hand voll Freundinnen, alle auf ihre Weise traumatisierte Lebenskünstlerinnen. Ein wenig Woody Allen - man denke an die wunderbare Annie Hall in Stadtneurotiker -, ein wenig Austen, ein wenig Waugh - und sehr viel Schmitter: Leichte Verfehlungen bietet einen präzisen und dennoch warmherzigen Blick auf das verworrene Innenleben jener seltsamen Spezies der "Frau um vierzig". Frauen in ihren besten Jahren, wie es so schön und auch nicht ganz zu Unrecht heisst.