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Leichenreden
 
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Leichenreden [Gebundene Ausgabe]

Kurt Marti , Peter Bichsel

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Pastor und Poet

Zum 80. Geburtstag von Kurt Marti

«In der Welt läuft so vieles schief», notiert Bertrand Russell einmal, «weil die Dummen immer so sicher sind und die Gescheiten immer Zweifel haben.» Kurt Marti war nie so sicher: als Schriftsteller nicht und auch nicht als Pfarrer. Sein Werk stellt unerschrockene Fragen und gibt vorsichtige Antworten. Deshalb hat es uns Jahrzehnte lang begleitet und beschäftigt uns auch heute unvermindert: als Gedicht, Erzählung, Tagebuch. Beim Wiederlesen finden wir zwar viel vom jeweiligen Zeitgeist in ihm wieder – aber doch weit mehr als ihn. Denn mochte Marti immer auch ein Seismograph helvetischer Befindlichkeit sein: Sein Engagement unterliegt keinen Moden. Ehrfurcht vor der Schöpfung bestimmte seine ökologische Position, lange bevor die Bewegung der «Grünen» Europa erfasste, und er hielt an ihr fest, als es längst wieder zum intellektuellen Comme-il-faut gehörte, das Betroffenheitspathos jener Jahre zu belächeln.

Gegen die Banalisierung und Verhässlichung der Welt durch eindimensionales Effizienzdenken auf der einen und dumpfe Konsumhaltung auf der andern Seite hat er sein Leben lang angeschrieben. Es wäre indessen falsch, ihn auf hochherzige Überzeugungen zu reduzieren. Als Dichter ist Marti Artist, Erotiker – ein Mann der Form; in seinen besten Texten ist das Wort das Mass aller Dinge. Es ist in Stein gemeisselt und steht doch nicht still. Bewegung, Entwicklung, Verwandlung als Prinzip des «zähen verrückten Wildlings Leben» bildet es nach und weist dadurch über sich hinaus. «Dass Gott ein Tätigkeitswort werde»: In dieser Formel lässt sich Martis pastorales und poetisches Wirken zusammenfassen. Und wie in seinem theologischen Denken das Prinzip Hoffnung und das Prinzip Verantwortung nicht zu trennen sind, so finden in seiner Lyrik avantgardistische Experimentierfreude und bildungsgesättigtes Traditionsbewusstsein zusammen.

Der ungestüme, die Konvention konterkarierende Dichter Marti zeigt sich besonders sinnfällig in den 1969 erschienenen «Leichenreden», die nun, vermehrt um ein schönes Geleitwort von Peter Bichsel, neu aufgelegt worden sind; den Denker, Spaziergänger und Beobachter Marti, der uns aus seinen Tagebüchern vertraut ist, finden wir wieder in dem ebenfalls zu seinem heutigen 80. Geburtstag erschienenen, von Niklaus Peter und Elsbeth Pulver herausgegebenen Band «Das Lachen des Delphins», der Martis beste Beiträge aus der Zeitschrift «Reformatio» sammelt – luzide Betrachtungen über Barth und Blocher, Mandelstam und die Bundespost, Gott und die Welt, aufgezeichnet mit der Gelassenheit eines Mannes, der sein Haus bestellt hat, aber auch durchwirkt vom «Gwunder», der diesen konzilianten Radikalen und treuen Hausfreund bis heute leitet.

Manfred Papst

Pressestimmen

"Kurt Marti will nicht schönreden, er setzt vielmehr auf Ernüchterung und Desillusionierung. Die Schroffheit, die einige Texte ausstrahlen, ist ein notwendiges Gegenstück zu vielen klangvollen Abschiedssprüchen; hier wird nicht georgelt, in den "Leichenreden" wird nach besten Kräften Klartext geredet. Dass der Tod trotzdem so wenig "zu fassen" ist wie alles Lebendige, liegt auf der Hand." Sabine Peters, Frankfurter Rundschau, 01.11.2001

Kurzbeschreibung

Schonungslose Leichenreden eines Pfarrers. Selten wurde so offen über Trauer und Tod geschrieben.

Kurt Martis lyrische Totenreden sind Klassiker. Seit ihrer Erstveröffentlichung haben sie nichts von ihrer Aktualität und Brillanz verloren. Selten wurde so offen über den Tod und die Trauer geschrieben.

»dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / daß gustav e. lips / durch einen verkehrsunfall starb erstens war er zu jung / zweitens seiner frau ein zärtlicher mann / drittens zwei kindern ein lustiger vater / viertens den freunden ein guter freund / fünftens erfüllt von vielen ideen […] im namen dessen der tote erweckte / im namen des toten der auferstand: / wir protestieren gegen den tod von gustav e. lips« -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Der Verlag über das Buch

»Ich staune beim Wiederlesen, wie überraschend neu sie geblieben sind.« Peter Bichsel

»Kurt Marti schreibt schnörkellos, pointiert, provokativ – hier wird nicht georgelt, in den ›Leichenreden‹ wird Klartext geredet!« Frankfurter Rundschau

»›In der Welt läuft so vieles schief‹, notiert Bertrand Russell einmal, ›weil die Dummen immer so sicher sind und die Gescheiten immer Zweifel haben.‹ Kurt Marti war nie so sicher: als Schriftsteller nicht und auch nicht als Pfarrer. Sein Werk stellt unerschrockene Fragen und gibt vorsichtige Antworten. Deshalb hat es uns Jahrzehnte lang begleitet und beschäftigt uns auch heute unvermindert: als Gedicht, Erzählung, Tagebuch.« Manfred Papst

»Kurt Marti hat sich nie auf ein Thema oder eine Form beschränkt, sondern verschiedene Möglichkeiten der Innovation erkundet, hat immer wieder alte literarische Muster und Genres aufgenommen und umgeschrieben, und mit Vorliebe Traditionen lebendig bewahrt, indem er sie auf den Kopf stellte.« Elsbeth Pulver

»Da traut sich endlich jemand an die Wahrheit über den Tod un die Toten zu erzählen - und plötzlich gelingt es nicht mehr so leicht, das eigene Sterben zu verdrängen und die Frage, was wir unseren Verstorbenen schuldig geblieben sind.« Christian Feldmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Buchrückseite

"Sprache ist bei Kurt Marti nicht einfach nur ein Medium. Sprache ist bei ihm das Maß. An ihr versucht er die Dinge des Lebens zu messen - die Dinge werden zum Wort." Peter Bichsel

Über den Autor

Kurt Marti, 1921 in Bern geboren, studierte Jura, dann Theologie in Bern und Basel. Bis 1983 war er als Pfarrer tätig. Er ist Ehrendoktor der theologischen Fakultät Bern, Mitbegründer der Schriftsteller-Gruppe Olten und der Erklärung von Bern. Kurt Martis umfangreiches literarisches Werk umfaßt Erzählungen, einen Roman, Gedichte, Tagebücher, Essays.

Vielfach ausgezeichnet, 1997 mit dem Kurt-Tucholsky-Preis für sein Gesamtwerk, 2002 mit dem Karl-Barth-Preis für sein »theopoetisches« Werk, gehört er heute zu den bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß gustav e. lips
durch einen verkehrsunfall starb
erstens war er zu jung
zweitens seiner frau ein zärtlicher mann
drittens zwei kindern ein lustiger vater
viertens den freunden ein guter freund
fünftens erfüllt von vielen ideen
was soll jetzt ohne ihn werden?
was ist seine frau ohne ihn?
wer spielt mit den kindern?
wer ersetzt einen freund?
wer hat die neuen ideen?
dem herrn unserem gott
hat es ganz und gar nicht gefallen
daß einige von euch dachten
es habe ihm solches gefallen
im namen dessen der tote erweckte
im namen des toten der auferstand:
wir protestieren gegen den tod von gustav e. lips
was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommen die rechnungen
für sarg begräbnis und grab
was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommen die wohnungssucher
und fragen ob die wohnung erhältlich
was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommen die grabsteingeschäfte
und bewerben sich um den auftrag
was kommt nach dem tod?
nach dem tod
kommt die lebensversicherung
und zahlt die versicherungssumme
was kommt nach dem tod?
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