Neue Zürcher Zeitung
Pastor und Poet
Zum 80. Geburtstag von Kurt Marti
«In der Welt läuft so vieles schief», notiert Bertrand Russell einmal, «weil die Dummen immer so sicher sind und die Gescheiten immer Zweifel haben.» Kurt Marti war nie so sicher: als Schriftsteller nicht und auch nicht als Pfarrer. Sein Werk stellt unerschrockene Fragen und gibt vorsichtige Antworten. Deshalb hat es uns Jahrzehnte lang begleitet und beschäftigt uns auch heute unvermindert: als Gedicht, Erzählung, Tagebuch. Beim Wiederlesen finden wir zwar viel vom jeweiligen Zeitgeist in ihm wieder aber doch weit mehr als ihn. Denn mochte Marti immer auch ein Seismograph helvetischer Befindlichkeit sein: Sein Engagement unterliegt keinen Moden. Ehrfurcht vor der Schöpfung bestimmte seine ökologische Position, lange bevor die Bewegung der «Grünen» Europa erfasste, und er hielt an ihr fest, als es längst wieder zum intellektuellen Comme-il-faut gehörte, das Betroffenheitspathos jener Jahre zu belächeln.
Gegen die Banalisierung und Verhässlichung der Welt durch eindimensionales Effizienzdenken auf der einen und dumpfe Konsumhaltung auf der andern Seite hat er sein Leben lang angeschrieben. Es wäre indessen falsch, ihn auf hochherzige Überzeugungen zu reduzieren. Als Dichter ist Marti Artist, Erotiker ein Mann der Form; in seinen besten Texten ist das Wort das Mass aller Dinge. Es ist in Stein gemeisselt und steht doch nicht still. Bewegung, Entwicklung, Verwandlung als Prinzip des «zähen verrückten Wildlings Leben» bildet es nach und weist dadurch über sich hinaus. «Dass Gott ein Tätigkeitswort werde»: In dieser Formel lässt sich Martis pastorales und poetisches Wirken zusammenfassen. Und wie in seinem theologischen Denken das Prinzip Hoffnung und das Prinzip Verantwortung nicht zu trennen sind, so finden in seiner Lyrik avantgardistische Experimentierfreude und bildungsgesättigtes Traditionsbewusstsein zusammen.
Der ungestüme, die Konvention konterkarierende Dichter Marti zeigt sich besonders sinnfällig in den 1969 erschienenen «Leichenreden», die nun, vermehrt um ein schönes Geleitwort von Peter Bichsel, neu aufgelegt worden sind; den Denker, Spaziergänger und Beobachter Marti, der uns aus seinen Tagebüchern vertraut ist, finden wir wieder in dem ebenfalls zu seinem heutigen 80. Geburtstag erschienenen, von Niklaus Peter und Elsbeth Pulver herausgegebenen Band «Das Lachen des Delphins», der Martis beste Beiträge aus der Zeitschrift «Reformatio» sammelt luzide Betrachtungen über Barth und Blocher, Mandelstam und die Bundespost, Gott und die Welt, aufgezeichnet mit der Gelassenheit eines Mannes, der sein Haus bestellt hat, aber auch durchwirkt vom «Gwunder», der diesen konzilianten Radikalen und treuen Hausfreund bis heute leitet.
Manfred Papst
Pressestimmen
"Kurt Marti will nicht schönreden, er setzt vielmehr auf Ernüchterung und Desillusionierung. Die Schroffheit, die einige Texte ausstrahlen, ist ein notwendiges Gegenstück zu vielen klangvollen Abschiedssprüchen; hier wird nicht georgelt, in den "Leichenreden" wird nach besten Kräften Klartext geredet. Dass der Tod trotzdem so wenig "zu fassen" ist wie alles Lebendige, liegt auf der Hand." Sabine Peters, Frankfurter Rundschau, 01.11.2001