Als ich diesen Film noch nicht kannte, antwortete ich stets auf die Frage: "Was ist dein Lieblingswestern" mit dem Satz "Kann ich nicht sagen, ich finde viele gut." Nachdem ich diesen Film gesehen hatte, wusste ich, dass meine Antworten in Bezug auf die Lieblingsfilm-Frage in Zukunft anders lauten würden.
Der Western ist ein Italowestern aus dem Jahr 1968. Schöpfer dieses, für ein gesamtes Filmgenre revolutionären Films ist der italienische Regisseur Sergio Corbucci, der noch zwei weitere Western drehte, nämlich "Il mercenario" (deutsch:
Mercenario - Der Gefürchtete) und
Django.
Die Handlung spielt im US- Bundesstaat Utah im harten Winter des Jahres 1896. Wegen der Erbarmungslosigkeit der Witterung (der Schnee liegt meterhoch) und der Hoffnungslosigkeit ihrer sozialen Situation entschließen sich einige unbescholtene, aber bitterarme u. größtenteils arbeitslose Bürger, Verbrecher zu werden, um auf diese Weise doch noch ihre vom Hungertod bedrohten Familien retten zu können. Die Justiz weiß sich nicht anders zu helfen, als auf diese Bedauernswerten Kopfgelder auszusetzen, was diese wiederum in Scharen nach Utah treibt; unter ihnen befindet sich der psychopathische und grausam- verschlagene Loco (Klaus Kinski). Die Kopfgeldjäger machen nun, unter Locos Führung, Jagd auf die Kriminellen, wobei sie rücksichtslos vorgehen und alles töten, was sich ihnen in den Weg stellt.
Hoffnung naht in Gestalt des einzelgängerischen, stummen Revolvermannes namens Silenzio (Jean-Louis Trintignant). Keiner weiß, wie er wirklich heißt, doch sein Geschick im Umgang mit der Waffe (einer deutschen Mauserpistole) ist legendär und er ist auf eine Bitte der Gejagten bzw. der Hinterbliebenen der Kopfgeldjäger gekommen, um letzteren das scheußliche und unwürdige Handwerk zu legen. Doch bevor es dazu kommt, stellt Loco dem Stummen eine grässliche Falle...
Der Film begeistert durch viele Elemente, allem voran die hoffnungslose, düster-morbide Stimmung, die über allem liegt. Man meint richtiggehend, die Verzweiflung, Entbehrungen und Nöte der Gejagten, perspektivlosen Männer zu spüren, selbst zu erleben, wenn sie inmitten einer weißen, kalten Schneelandschaft um ihr Überleben kämpfen. Auf der anderen Seite stehen die stumme Gelassenheit Silenzios und die brutale Gier Locos, zwei Schauspieler, die nicht charakteristisch für den Western sind, dabei aber doch so vieles mehr für ihn geleistet haben als der stets stereotyp spielende, monotone John Wayne. Die schauspielerische Leistung der beiden ist meiner Meinung nach unangefochten die beste, die ich je in einem Film dieses Genres gesehen habe.
Jede Szene des Films ist ein Juwel für sich. Alleine, wenn Silenzio an dem Haus einer Mutter vorbeigeht, die soeben ihren Sohn verloren hat - im Hintergrund ertönt die leise Musik Ennio Morricones dazu (ebenfalls großartig) und ein Hund bellt, spürt man die knisterne Spannung sich aufladen, was schließlich darin gipfelt, dass Silenzio den Mörder des Sohnes stellt und in heroischer Art und Weise abknallt - in Gegenwart des unbeteiligten und gleichgültigen Sheriffs. Hinterher der Hilfssheriff: "Charley [der Mörder] war immer ein besonders schneller Revolverschütze - aber der andere [Silenzio] war noch schneller." Sheriff: "Ja, der versteht sein Handwerk."
Was den Film aber meines Erachtens nach zum besten, jemals gedrehten Film werden lässt, ist das Ende: Es verläuft ganz und gar western-untypisch; als Zuschauer ist man hinterher geschockt, betroffen und wütend angesichts einer so großen Schweinerei wie derjenigen, die man gerade eben über sich ergehen lassen musste - doch eben die Tatsache, dass der Film nicht so ausgeht wie hunderte, tausende andere Western; eben die Tatsache, dass der Film am Ende einen Weg beschreitet, den kein anderer jemals nahm, lässt den Streifen "Il grande silenzio" ("Leichen pflastern seinen Weg") zu einem einzigarten, niemals wieder erreichten Diamanten des Western werden. Bewegend, mitreißend, packend, zynisch, spannend, finster - realistisch.