Der Titel "Leibhaftig" scheint auf etwas Greifbares zu verweisen. Letztendlich geht es aber nicht um Ereignisse, sondern um Bewußtseinsströme, um das Abtauchen in Erinnerung, das Verarbeiten des eigenen Schicksals in den Träumen. "Komisch, wie das Gehirn funktioniert."(C.Wolf)
Eine Frau liegt im Krankenhaus - Ende der 19achtziger Jahre in der DDR. Sie fiebert - nimmt ihre Umwelt nur zeitweise und schemenhaft wahr. Immer wieder verliert sie sich in Fieberträumen - hetzt durch das Labyrith ihrer Erinnerungen -erkundet die Innenräume ihres Körpers, in denen herrscht ein "Höllenlärm, ein Schandlärm."(C.Wolf)
Der autobiografische Bezug ist offensichtlich. Auch Christa Wolf lag 1988 mit einem Blindarmdurchbruch und anschließender Sepsis und Bauchfellentzündung dem Tode nahe im Krankenhaus. Sie erlebte die existenzielle Bedrohung also leibhaftigt. Der Versuch "bis zum Eiterherd vorzudringen, wo der Kern der Wahrheit mit dem Kern der Lüge zusammenfällt"(C.Wolf) verweist aber auch auf eine Aufarbeitung der selbt erlebten DDR-Realität.
"Leibhaftig" will jedoch keine komplexe Abrechung mit der DDR sein - nur bruchstückartig kommen Erinnerungen und Alpträume an das versunkene Land hoch. Da ist zum Beispiel Urban, zeitweise ein Weggefährte der Heldin, talentlos und mitttelmäßig - der die Nähe zur Macht sucht - bei dem Falschheit und Echtheit undurchschaubar verwoben sind - und der schließlich Selbstmord begeht.
Der Text wirkt gedanklich überladen und gar zu verrätselt. War dies 1968 bei "Nachdenken über Christa T." noch verständlich als Versuch sich der allmächtigen Zensur in der DDR entgegenzustellen (Was uns seinerzeit als in der DDR Lebende veranlaßte, den Text begeistert zu entschlüsseln), ist dies in einem Text aus dem Jahre 2001 für den Leser weniger einsichtig. Ich bleibe als Leser verwirrt und auch etwas enttäuscht zurück, ob so mancher mir nicht notwendig erscheinender sprachlicher Experimente. Deshalb nur drei Sterne.