Aus der Amazon.de-Redaktion
In Christa Wolfs neuer, in den 80er-Jahren spielender Erzählung Leibhaftig muss die lebensgefährlich Erkrankte, die immer wieder auch als Ich-Erzählerin fungiert, geduldig auf die rettenden Medikamente warten: Alles hängt davon ab, ob der Kurier via S-Bahn rechtzeitig nach Westdeutschland "übersetzen" und in einer dortigen Apotheke das Lebenselixier erstehen kann. Denn die Frau liegt im "Hades" einer Poliklinik, "drüben" in der DDR. In dieser "bleichen Zwischenwelt" eines geteilten Himmels, auf der krisenhaften Schwelle zwischen Leben und Tod, Früher und Heute, Ost und West, dämmert die Heldin vor sich hin. Minutiös registriert sie die mit ihr veranstalteten Prozeduren im Krankenhaus (dem "Spiegelbild der Gesellschaft"), denkt über frühere "Sünden" nach, und erinnert sich: an ihr Berliner Dasein, an den Grenzübergang Friedrichstraße und an den unverbesserlichen Zyniker Urban, mit dessen Leben sie schicksalhaft verbunden war -- damals, als sie noch von Staats wegen und nicht aus medizinischen Gründen unter Beobachtung stand.
In Leibhaftig kommen die Medikamente aus dem Westen rechtzeitig. Die Erzählerin überlebt -- anders als die Gesellschaft, in (und an?) der sie krank geworden ist. "Erzählen lässt sich nichts ohne Zeit", notiert sie in Leibhaftig: "Das Erzählen habe ich aufgegeben, zugleich mit dem Wissen, Fragen, Urteilen, mit dem Behaupten, Lehren und Verstehen." Wolf aber hat in permanentem Wechsel der Erzählperspektive ein großartiges Stück Prosa vorgelegt, menschliches Drama und Zeitdokument zugleich. Eine Krankheitsgeschichte aus den 80er-Jahren, die auch die Krankheitsgeschichte der 80er-Jahre -- und Bilanz einer Epoche -- geworden ist. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Amazon.de-Hörbuchrezension
Nun ist die Erzählung als Hörbuch erschienen, gelesen von der Autorin selbst. Und zwar sehr eindrucksvoll, denn Christa Wolf versteht es, den (ohnehin stark autobiografisch geprägten) Text auf eine sehr glaubhafte, intensive Weise vorzutragen: Man hört keinen blasierten Schauspieler, der sich nur in Szene setzen will, und man hört auch keinen aufgeblasenen Schriftsteller, dem der Stolz über sein erfolgreiches Buch aus jedem Wort trieft -- nein, man hört tatsächlich eine persönlich betroffene Frau, die sich fragt, wie es so weit kommen konnte: mit ihr und mit ihrem Staat. --Christoph Nettersheim
Ungekürzte Lesung durch die Autorin, Spieldauer: 330 Minuten, 5 CDs, 16-seitiges Booklet. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.02.2002
Rezensent Tilman Spreckelsen beschreibt seine Begegnung mit Christa Wolfs "unverhohlen autobiografischer" Krankheits-Erzählung zwiespältig. Auf der einen Seite sind da die "Fantasien und andrängenden Bilderfluten im Bewusstsein der Patientin", die - neben einer Anästhesistin namens Kora Bachmann - im Zentrum der Handlung steht. In diesen Fantasien und wiederkehrenden Todesvisionen sieht Spreckelsen einen "aufregenden Wechsel aus sachlicher Schilderung und fantasievoll verfremdeter Innenschau". Hier, wo sich die Kranke "durch endlose Kellergänge und Verschläge in ein Totenreich der unverarbeiteten Erinnerungen träumt", findet der Rezensent dann auch die besten Passagen der Erzählung. Leider aber vertraue Christa Wolf der Suggestivkraft dieser Geschichte zwischen Tod und Leben nicht genug. Immer wieder werde die Krankengeschichte zur Agonie der absterbenden DDR in Beziehung gesetzt. Auch dass die inzwischen Rekonvaleszente am Ende ihre eigenen Projektionen durchschaut, ist für den Rezensenten "entschieden zuviel des Guten", was sich auf den Gesamteindruck schließlich weniger positiv niederschlägt.
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Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2002
Beatrix Langner beschreibt Christa Wolfs neues Buch als "Bewusstseinsprosa" und meint das offenkundig als Kompliment, denn sie bescheinigt dem Text "charmante Heiterkeit" und "übermütiges Erzähltemperament". Es geht um eine Frau, die Ende der 80er Jahre mit zusammengebrochenem Immunsystem im DDR-Krankenhaus liegt und fantasiert und sich erinnert. Konkreter wird das Referat der Rezensentin leider nicht, dafür erfährt man, dass sie eine "Steigerung der Bildkraft bis an den Rand es Erhaben-Pathetischen" ausgemacht hat (findet sie gut) und dass es um den "Transitraum Seele" geht (findet sie auch gut). Problematisch wird es dagegen, wo "politische Metaphorik" ins Spiel kommt, wo sich Wolf an der Aufarbeitung des Versagens der DDR-Intellektuellen versucht. Der Schaden scheint aber nicht zu groß, denn die Besprechung endet mit einer Hymne auf die Autorin, die mit ihrem Text in "Bereiche des Nichtsichtbaren, Nichthörbaren, Nichtfassbaren" vorgedrungen sei.
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Kurzbeschreibung
Klappentext
Der Spiegel
"Ein verführendes, zu uns selbst führendes Buch."
Günter Grass, Verleihung des Deutschen Bücherpreises
"Ein großes, ein wichtiges Buch."
Die Zeit
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Über den Autor
Christa Wolf, geboren 1929 in Landsberg/Warthe (Gorzów Wielkopolski), lebte in Berlin und Woserin, Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis, dem Thomas Mann Preis und dem Uwe-Johnson-Preis, ausgezeichnet. Sie verstarb 2011 in Berlin.