Der Titel "Doppelripp und Spitzentraum" ist etwas irreführend, da man sich darunter automatisch eher einen opulenten Bildband mit vielen großformatigen Fotos antiker Prachtstücke vorstellt.
Aber nichts da, der Ansatz dieses Buchs funktioniert vollkommen anders.
Zum Ersten ist es recht dünn und nur unwesentlich größer als eine gebundene Romanausgabe.
Zum Zweiten ist es nicht gerade üppig bebildert. Es gibt zwar Foto- oder Bildbeispiele zu allen Themen, die sind aber dem Format des Buchs angemessen ziemlich klein.
Die im Titel versprochenen "Spitzenträume" sucht man übrigens vergebens.
Ein Großteil des Bildmaterials zeigt sehr, sehr einfache und meist nicht besonders schöne Alltagswäsche für Kinder und Erwachsene.
Schneiderinnen oder Hobbynäherinnen, die Inspirationen für Unterwäsche mit historischem Touch aus edlen Stoffen mit Spitzen und Bändern suchen, rate ich daher von diesen Buch ab.
Nützen kann es eher Kostümbildnern, die für spezielle Projekte korrekte Untergewänder schneidern müssen oder historisch und soziologisch interessierten Menschen bzw. Medizinern, denn das eigentlich Wesentliche sind die ausführlichen Texte.
Auch hier unterscheidet sich das Buch ganz entschieden von den meisten anderen Veröffentlichungen zum Thema Wäsche und Dessous.
Hier bekommt man nämlich einiges von den Nachteilen alter Wäscheformen und der täglichen Quälerei zu hören, der z.B Kinder unterworfen waren, die man im Säuglingsalter gnadenlos zu einer Art Mumie bandagierte oder später in kratzige Strümpfe und Leibchen steckte. Auch das Elend der Frauen wird in einem sehr langen Kapitel beschrieben, das sich mit Menstruationshygiene und der Entwicklung von Damenbinden und Tampons befasst.
Auch die früher herrschende verlogene Moral und die einengenden Grenzen der "Sittsamkeit" werden nicht verschwiegen.
Ganz am Ende kommt ein großes Kapitel mit Interviews von Zeitzeugen zum Thema Wäsche. Hier schwankt die Qualität stark. Manche der Interviews sind vom Inhalt her sehr interessant, bei anderen fragt man sich, was das nun wieder soll....
All diese Texte sind zwar gut geschrieben und mit gelegentlich auftauchenden Cartoons aus Zeitungen und bekannten Comics aufgelockert. Trotzdem herrscht eine weitgehend düstere Stimmung im Buch.
Viele andere Bücher zum Thema Wäsche mögen zwar etwas zu heiter daherkommen und die realen Probleme unbequemer Korsetts und geschlitzter Unterhosen entweder ignorieren oder schönreden- dafür macht dieses Buch dann konsequent genau das Gegenteil und erweckt gelegentlich den Eindruck, dass das Tragen von Wäsche früher grundsätzlich einer Folter glich.
Trotzdem: Hier erfährt man vieles, was bisher den meisten von uns wohl unbekannt war.Manches ist kurios, anderes einfach nur schrecklich.
Inhalt:
1. Allgemeine Einführung
2. Kinderunterwäsche, ihre historische Entwicklung und der Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern
3. Herrenunterwäsche
4. Damenunterwäsche
5. Wolle- Bedeutung dieses Materials bei der Herstellung von Wäsche und der Umgang damit
6. Körper-Modellierung - Korsetts, Mieder, Büstenhalter
7. Hautnah- Kleiderreformbewegung und modernes Modedesign
8. Frauenhygiene- Die Entwicklung von Binden und Tampons, Frauenkrankheiten, Hygieneprobleme
9. Interviews mit Zeitzeugen zum Thema
Fazit: Kein leicht zu verdauendes Buch, auch keines das nur der reinen Unterhaltung dient. Auch als Quelle für Schnitte und Designideen taugt es nichts.
Trotzdem merkt man die Sorgfalt und teilweise fast brutale Ehrlichkeit, die hinter diesem Projekt des Altonaer Museums steckt.
Das Buch mussste wohl sein, damit endlich mit Irrtümern und falscher Romantik aufgeräumt wird. Soviel Spaß wie die anderen Bücher macht es aber trotzdem nicht.