Mit der Rezension dieses Buches habe ich mir Zeit gelassen. Mit manchen Büchern muss man eine Weile arbeiten, um sie beurteilen zu können. Vor dem Hintergrund von 30 Jahren eigener Erfahrungen mit dem Tarot kann ich das meiste, was Oliver Fehn in "Lehrstunden bei Luzifer" schreibt, bestätigen. Das heißt nicht, das bestimmte Dinge falsch sind. Sie entsprechen nur einem anderen Erfahrungshintergrund.
Das Tarotlehrwerk, das mir vor vielen Jahren die ersten theoretischen Grundlagen mit auf den Weg gab, war Leuenbergers "Schule des Tarot". Dort wird die Kernerkenntnis vermittelt, dass die göttliche Macht keine Dreieinigkeit, sondern eine Viereinigkeit ist. Der vierte Teil dieser Einheit, den das Christentum ausgeklammert hat, ist die zerstörende (und notwendige) Kraft, die dem Tabu-Engel Luzifer zugeschrieben wird. Dieses Ausklammern des Zerstörenden, welches oft als "das Böse" identifiziert wird, ist ein Hauptdilemman für alle Christen.
Vor diesem Hintergrund sind Luzifers Lehrstunden für mich das interessanteste Tarotlehrbuch seit Leuenbergers "Schule des Tarot".
Fehn hat sich hier auf die Großen Arkana beschränkt, was für einen Anfang durchaus logisch ist, da sie die Grunderfahrungen des Menschen widerspiegeln. Es ist müssig, auf Details einzugehen. Man arbeitet mit dem Tarot oder man tut es nicht. Lernen kann man nur beim Arbeiten, nicht aus einer Theorie heraus.
Ich halte das Buch für geeignet als stützende Kraft beim Einstieg in die Tarotarbeit. Vor allem, weil es all die Klischees sorgfältig vermeidet, die in so vielen hingehudelten Tarotbüchern auftauchen. Es ist im Grunde wie beim Kochen - das auch ein magischer Vorgang ist - die Meisterschaft kommt mit der langen Erfahrung. Es mag blitzartige Erkenntnisse geben - aber diese führen nicht am Wege einer intensiven Arbeit vorbei. Für Fortgeschrittene sind "Lehrstunden bei Luzifer" eine echte Schatztruhe, weil sie die eigenen Erfahrungen immer wieder mit Neuem - durchaus auch mit Kontrasten - bereichern.
Nicht alles, was Fehn in Luzifers Lehrstunden schreibt und beschreibt, ist leicht verdaulich. So wird das Ganze umso komplexer, je weiter man auf dem Weg vom Magier bis zur Welt und zum Narren fortschreitet. Das liegt in der Natur der Dinge. Und ist vielleicht auch Absicht, um ein allzu schnelles "Verschlingen" zu verhindern. Den eigentlichen Geheimnissen des Tarot muss der Leser - der Arbeitende - selbst auf die Spur kommen. Und das ist eine lebenslange Arbeit, die sich aber lohnt. Er findet in Luzifers Lehrstunden eine wertvolle Hilfe auf dem manchmal steinigen Weg.
Ein weiteres Buch von Oliver Fehn zu den Kleinen Arkana wäre eine Bereicherung für die neuere Tarotliteratur!