Was erwarte ich von einem Lehrbuch des Kreativen Schreibens? Zuallererst, dass sein Autor selbst gut schreiben kann. Wer mich über das Schreiben belehren will, sollte in der Lage sein, selbst einen schmerzlos lesbaren Text zu verfassen. Und hier hapert es leider schon beim "Lehrbuch des Kreativen Schreibens" von Lutz von Werder.
Mein Eindruck ist, dass sich der Autor mit dem Kreativen Schreiben als einem kulturellem Phänomen auseinandergesetzt und so etwas wie eine Doktorarbeit darüber verfasst hat. Er versucht nicht, einem das Schreiben beizubringen (was der Begriff "Lehrbuch" suggeriert), sondern er beschreibt in allen Aspekten, wie andere das Kreative Schreiben betreiben und bewerten. Das Buch ist eindeutig im Stil eines wissenschaftlichen Texts gehalten; vieles fußt auf Zitaten anderer Autoren. Alle Aussagen sind - wie es sich im akademischen Betrieb gehört - aufs akribischste mit Quellenangaben belegt, und zwar nicht in Fuß- oder Endnoten (was den Text um einiges leichter lesbar gemacht hätte), sondern direkt im Text.
Drei willkürlich herausgegriffene Beispiele:
"Worte rufen Affekte hervor und sind das allgemeine Mittel zur Beeinflussung der Menschen untereinander (S. Freud zit. bei W. Muschg: Freud als Schriftsteller. München 1975, S. 11)"
"Das Setting ist hier dem katathymen Bilderleben nach Hanscarl Leuner (Lehrbuch des katathymen Bilderlebens, Bern 1985) nachgebildet. Allerdings werden nicht die regressiven Themen von Leuner imaginiert und schriftlich festgelegt, sondern folgende Motive aus dem 'Prinzip Hoffnung' von E. Bloch: [...]"
"[der Jugendliche] sucht geistige Orientierung, Einsichten in die Gesellschaft und Klarheit über seine sexuelle Identität. Sein Identitätskonflikt schwankt zwischen Identitätssuche und Identitätsdiffusion (vgl. E.H. Eriksson: Identität und Lebenszyklus. Frankfurt 1979, ders.: Jugend und Krise. Berlin 1982, ders.: Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart 1971, besonders S. 273-414)."
Das mag ja korrekt sein; doch Nicht-Akademikern kann ich diese Lektüre nicht guten Gewissens empfehlen. Jedenfalls scheinen hier keine persönlichen Erfahrungen des Autors mit dem Kreativen Schreiben durch. Das Ganze wirkt auf mich eher wie von einer Heerschar fleißiger Studenten zusammengetragen, die sich damit ihr Diplom verdient haben.
Der Grund für die teilweise positiven Rezensionen scheint in der wirklich umfangreichen Sammlung von Schreibaufgaben für Schreibgruppen zu liegen, zusammengesucht aus den unterschiedlichsten Quellen (die Quellenangaben werden hier dankenswerterweise dem Abschnitt vorangestellt und im Text nur noch mit den Namen der Autoren gekennzeichnet). Wer sich den theoretischen Teil spart und das Buch auf die richtige Weise "diagonal liest", kann hier durchaus fündig werden.
Das Buch selbst ist ordentlich gestaltet (der Satz sieht nach LaTex aus) und gut gebunden. Dafür ist der Preis sensationell niedrig. Das jedoch, was man mit etwas gutem Willen als praktisch nutzbaren "Lehrbuch-Anteil" bezeichnen könnte, hätte auch in einem kleinen Taschenbuch Platz gefunden.
Fazit:
Das "Lehrbuch" scheint keine eigenen Erfahrungen des Autors mit Schreibgruppen zu vermitteln, stattdessen liefert es eine umfassende Analyse von Sekundärliteratur. Eine akademische Fleißarbeit, die denjenigen, die wissenschaftlichen Stil gewöhnt sind und das "Kreative Schreiben" weiter erforschen oder auch professionell organisieren wollen, viel Material bereitstellt. Für Nicht-Akademiker, die einfach nur für sich selbst Anregungen suchen, ist es beschwerlich zu lesen. Wer sich von einem "Lehrbuch des Kreativen Schreibens" allerdings Hilfestellungen zur Verbesserung seiner schriftstellerischen Fähigkeiten erhofft, wird höchstwahrscheinlich enttäuscht. Der ist mit Fritz Gesing oder Sol Stein besser bedient.