Theodor W. Adorno forderte im November 1930, anlässlich einer Operetteninitiative des Frankfurter Opernhauses, «dass man sich dann nicht an falscher Stelle des Niveaus erinnere, das hier doch keines ist, sondern rücksichtslos Operette spiele». Er meinte damit, das Leichte solle auch leicht genommen und nicht mit einem Geist der Schwere belastet werden. Nun, John Eliot Gardiner ist ein in diesem Sinne rücksichtsloser Dirigent, er versenkt sich, wie übrigens bei allen seinen Produktionen, innig in den Zeitgeist des jeweiligen Werks und gibt ihn ungebrochen wieder. Und der Geist der «Lustigen Witwe» ist nun mal der schöne Schein, die Tanzseligkeit der Belle Epoque, das sublimierte erotische Verwirrspiel, das sinnliche Schwelgen in orchestralen Prachtfarben. (Selbstredend ist das ein anderer als der Geist der im genau selben Jahr, nämlich 1905, entstandenen «Salome» von Richard Strauss.)
Gardiner nimmt die Wiener Philharmoniker ganz schön an die Kandare, die Tempi sind, wie nicht anders zu erwarten, sehr straff, was dem Ganzen einen grandiosen Schwung verleiht und sentimentalen Schmalz gar nicht erst aufkommen lässt. Manche Tanznummern haben einen fast atemlosen Drive. Nicht als ob es keine innig ausgehörten Stellen gäbe! Das zu Recht beliebte Vilja-Lied wird von Cheryl Studer ungewöhnlich zart gesungen (auch von dem Monteverdi-Chor) und die süße Schönheit der Pavillon-Romanze kann auch den Hörer «um den Verstand bringen». Wenn anderseits im Finale zum zweiten Akt der eifersüchtige Danilo wütend das Maxim-Lied anstimmt, wird es, wenn auch nur für wenige Takte, sogar hochdramatisch.
Dankenswerterweise wurden für die CD-Aufnahme die Dialoge gekürzt, dadurch wird umso deutlicher, dass die ganze Komödie aus dem Geiste des Tänzerischen konzipiert ist (Nietzsche hätte seine helle Freude daran gehabt). Die vorherrschenden Walzermelodien werden reizvoll kombiniert mit Mazurken und slawischen Kolotänzen, mit Polkarhythmen und sogar einem Militärmarsch.
Es gibt kaum einen Takt der Musik, der nicht irgendeine Synkope enthielte. Ist es überhaupt möglich, diese Operette ruhig im Sessel sitzend einfach anzuhören?
Die Wiener Philharmoniker sind in ihrem Element, dabei den Intentionen ihres Dirigenten erstaunlich fügsam, und der Klang der im Großen Saal des Wiener Musikvereins produzierten Aufnahme ist brillant durchsichtig, ein einziger Genuss. Deutlich kann man Lehars Anleihen bei Wagner (Tristan und Meistersinger), bei Debussy, Bizet und Mozart heraushören. Im Tanzduett des zweiten Aktes kommt auch die Wiener Tschuschenkapelle als Bühnenorchester zum Einsatz.
Das Ensemble der Solisten erschien dem Rezensenten sehr befriedigend und homogen, Barbara Bonney (als Valencienne) und Rainer Trost (als Camille) mögen dabei etwas herausragen. Vergleiche mit anderen Starsängern seien den darauf Spezialisierten überlassen. Übrigens ist auch die Sprachbehandlung vorzüglich.
Seine andernorts aufgestellte Behauptung, nach Ravels La Valse könne man Walzerseligkeit nicht mehr unbefangen genießen, muss der Rezensent hiermit zurücknehmen. Nach 79:47 Minuten wachte er auf wie aus einem seligen Traum, er war einfach - glücklich.