Ich bin sehr schockiert, dass das Buch hier nur mit einer mittelmäßigen Wertung davonkommt. Dabei halte ich es neben "Der Aufstieg des Horus" und "Fulgrim" für das stärkste Werk der Reihe.
Die negativen Kritiken sind zahlreich:
Es wird bemängelt, dass sich das Geschehen wieder zeitlich vor dem Bruderkrieg abspielt. Doch ist das nunmal schlichtweg notwendig, will man die Frage, wo die Loyalität einer Legion steht, genau klären. Es wäre ziemlich banal, würde mit Horus Verrat jede Legion sofort Partei ergreifen. Die Vorgeschichte bietet die Substanz, die uns erklärt, warum die Legionen sich so entschieden haben. Im Gegensatz zu "Gefallene Engel", in denen der Bezug zum Imperium eilig auf die letzten Seiten zusammengeschrieben wurde und der Bruderkrieg kaum mehr der Hauch einer Ahnung ist, wird hier klar und deutlich beschrieben, was die Beweggründe der Alpha Legion im Bürgerkrieg sind.
Dann wird der Mangel an Kampfszenen, die Etablierung von Agentenflair kritisiert. Kurz gesagt: Ich bin froh, nicht schon wieder ein Gemetzel an dem anderen gereiht zusehen, in denen ich immer wiederkehrende Floskeln von Boltern, die was zerfetzen und surrenden Kettenschwerten lesen muss. In den meisten Büchern über Space Marines zeichnet sich die Variablität der Kämpfe überhaupt nicht aus. Außerdem finde ich eine Legion, die manipuliert und intrigiert subtiler als eine weitere alles zerkloppende Supermanntruppe. Verschwörung ist nunmal das Wesen der Legion und ein Ziel der Reihe ist es ja auch, die verschiedenen Wesen der Legionen zu erklären. Den Charackter der Alpha Legion zu gunsten des actiongeilen Leserherzes zu verfälschen, wäre schlicht unkosequent. Außerdem muss ein ganzer bevölkerter Planet und eine komplette Flotte drauf gehen - also kommt runter, es fließt genug Blut.
Dann noch die Kritik,das wieder überwiegend aus der Sicht regulärer Soldaten berichtet wird, und ein Schwerpunkt auf deren Charakteren und Hintergünden liegen. Ich gebe zu, dass irritierte mich auch. Am Ende des Buches weiß man im Grunde fast nichts über die Struktur der Legion. Aber irgendwie finde ich das auch richtig, denn sie ist nunmal die Legion des Geheimen, des Verborgenden. Dafür durfte man sehr viel über frühimperiale Armeen erfahren, es gab sogar was von den Einigungskriegen auf Terra und dem Zeitalter des Haders zu lesen, von denen man bisher einfach gar nichts wusste. Eben diese Informationen lassen den Teil nicht aus der Reihe herausfallen, sondern heben ihn hervor. Der Bezug zu Horus wurde klar gemacht, dennoch gab es neues, unverbrauchtes zu erfahren. Bin ich denn der einzige, den die absolut alternativen Kommandostrukturen des Chiliad fansziniert haben, der sich immer wieder freut, wenn Abnett die ausgelatschten, verbrauchten Pfade verlässt, ohne dabei den roten Faden der Gesamtstory zu verlieren? Ich finde also, dass man für die fehlenden Einblicke in die Alpha Legion mehr als genügen entschädigt wurde.
In einen einzigen Punkt muss ich zustimmen: Nach all dem Misstrauen und Katz-und-Maus-Spiel hat sich die Alpha Legion am ende recht schnell zur ultimativen Entscheidung hinreißen lassen.
So, damit ist mein Kreuzzug zum Wohle der Einzigartigkeit und Pluralität der alternativen Erzählweisen innerhalb der Serie beendet. Woran "Gefallene Engel" so brutal gescheitert ist, hat "Legion" der Reihe einen frischen neuen Geist verliehen.