Schritt für Schritt ein Abenteuer
Es gibt viele Venedig-Reisebücher, aber dieses ist einzigartig. Hier werden weder kurzlebig-angesagte vermeintliche „Geheimtipps" abgespult, noch wird der Leser mit endlosen Beschreibungen von Kunstwerken oder gar mit sattsam bekannten Klischees gelangweilt. Karl Heinz Ritschel kennt Venedig genau und er ist den Verführungen der Serenissima, der „Allerdurchlauchtigsten", erlegen. Das ist gut so, das muss man sein, wenn man der Lagunenstadt gerecht werden will, wenn man erklären will, was diese zur Legende macht.
„Legende Venedig" ist also kein Reiseführer im herkömmlichen Sinn, kein Buch, mit dem man sich von einer Sehenswürdigkeit zur anderen durch die Stadt schiebt, Kirchen Museen und Paläste „erobert". Dazu ist dieser aufwendig, ja edel gemachte Band mit seinen 288 Seiten zu schwergewichtig. Und das Buch hält sich ohnehin nicht mit Banalitäten auf, etwa zu erklären, mit welchem Vaporetto man von San Marco zur Giudecca oder zum Lido gelangt. Für solche Dinge gibt es stets aktualisierte Pläne und Infos des örtlichen Touristenbüros. Ritschels Stadtporträt ist ein Buch, das man zur Reisevorbereitung liest, in den Koffer legt, als erstens aus dem Gepäck nimmt und auf den Nachttisch neben das Hotelbett legt. Man liest es zum Einschlafen, man nimmt es beim Aufwachen zur Hand, während von irgendeinem Kanal die Alltagsgeräusche der Stadt emporsteigen und die Hintergrundmusik für die Lektüre bilden. „Legende Venedig" macht es dem Leser leicht: in kurzen, nur wenige Seiten langen Kapiteln, schaut der Autor wie durch eine Lupe auf seine venezianischen Miniaturen. Er lässt uns in die Kochtöpfe oder über die Schulter der Zecher in die Gläser blicken, er stellt uns berühmte Venezianer wie Casanova oder Goldoni wie alte Freunde vor, lässt uns an Festtagen teilnehmen oder nimmt uns mit auf wenig ausgetretenen Pfaden nach Burano oder Torcello, nach Cannaregio, Zattere oder ins Ghetto. Ritschel legt die Stadt wie ein Mosaik aus, der Leser hat die Freiheit auszuwählen, welches Detail ihn interessiert, welche der brillant geschriebenen kleinen Kapitel ihm am wichtigsten sind. Das klare Inhaltsverzeichnis macht die Auswahl leicht. Wenige, aber exzellente Fotos ergänzen den Band, dessen Sprache genug an Bildern entstehen lässt. Wenige, aber ausgesuchte praktische Adressen und Tipps sind im Anhang zu finden, dazu ein Verzeichnis der Dichter, Dogen, Künstler und Musiker sowie ein zusätzliches Personen- und Sachregister. Am Ende des Bandes wird Ritschel sogar auf charmante Weise ganz und gar lebenspraktisch. Nur einen Tag Zeit für Venedig? Der Autor weiß Rat, welche Auswahl zu treffen ist. Immerhin Drei Tage für eine Lagunenstadt? Auch hierfür hält er Vorschläge bereit. Ein ganzer Urlaub in der Serenissima? Das Buch bietet genug Stoff für wochenlange Streifzüge.