Nach über 30 Jahren Wartezeit (aus rechtlichen Gründen) wird hier nun die erste Chopin-CD Martha Argerichs präsentiert, die sie unmittelbar nach dem Gewinn des Warschauer Chopin-Wettbewerbs 1965 aufnahm. Bis auf das Nocturne op. 15 Nr. 1 sind alle Aufnahmen schon bei der Deutschen Grammophon erhältlich, so daß sich naturgegeben die Frage nach dem Sinn dieser Veröffentlichung bzw. deren Kaufs stellt. Zunächst einmal ist es sicher interessant, den interpretatorischen Werdegang dieser Ausnahmekünstlerin nachvollziehen zu können, da die DG-Aufnahmen aus späteren Jahren stammen. Diese sind technisch sowie klanglich perfekter und lassen die Persönlichkeit der Künstlerin noch mehr zu Tage treten. Ihr eruptiver, instinktiv-virtuoser Stil paßt dabei zum Scherzo und der Polonaise, wirkt aber bei der h-moll-Sonate etwas überhastet. Daher ziehe ich bei letzterer die EMI-Version vor, wo sich die Argerich noch etwas mehr zurückhält. Sowohl bei den Mazurkas als auch bei dem Nocturne entlockt sie den Stücken vielfache Klangfarben, vor allem die Mazurkas als polnische Charakterstücke sind exzellent herausgearbeitet. Ein weiterer Reiz der CD stellen natürlich auch die äußeren Umstände dar, denn die Pianistin befindet sich zu dieser Zeit noch im emotionalen Umfeld ihres Wettbewerb-Triumphs, was sich auch dem Zuhörer mitteilt. - Als Resümee kann man die vorliegende CD sicherlich als eine exzellente Chopin-Interpretation qualifizieren, die die Ausnahmestellung der Pianistin bezüglich dieses Komponisten unterstreicht. Für diejenigen, die schon ihre DG-Aufnahmen besitzen, stellt sie jedoch nicht eine unumgängliche Anschaffung dar. - Die Klangqualität ist gut.