Legende, Vespe, Sage, Fabel oder Mythos - so werden die unterschiedlichen Gattungen der Literatur beschrieben, die eine Botschaft mit Hilfe von Tieren oder Pflanzen den Menschen als Lebensweisheit geben. Oder aber es sind Heldengeschichten, die eine Identifikation beim Leser hervorrufen oder es sind die Geschichten, die auf das Transzendente dieser Welt mit Hilfe von Göttern hinweisen. Allen eigen scheint aber die besondere Botschaft zu sein, sich selbst und sein Denken und Handeln zu reflektieren oder es aber in die "richtigen" Bahnen zu lenken. Richtige Bahnen sind die Fragen der Philosophie, der Religion und der Gesellschaft. Damit gilt die biblische Frage: "Quod est veritas?" des Pontius Pilatus als eine, die ohne Zeitbezug nicht zu beantworten ist. Außerdem ist jeder wie ein Fisch in seinem Glas gefangen in der Welt seiner Werte und Vorstellungen und damit stets getrübt durch das begrenzte Wissen der Epoche. Dieses vorausgeschickt entdeckt man das unsichtbare Gefängnis oder die sanfte Sekte, die jedem Halt und Richtung, Maß und Ziel gibt.
Mit den "Legenda aurea", den goldenen Legenden begibt man sich in das Mittelalter des 13. Jahrhunderts. Jacobus de Voragine (1230-1298) war Dominikanermönch, sechszehnjährig trat er dem Orden bereits bei. Sein berühmtes Werk, welches zu den meistgelesenen des Mittelalters gehörte, verfasste er im Laufe von 10 Jahren, beginnend im Jahre 1263. Sein Anliegen war, Wissen der Zeit, Glauben der Zeit und das Transzendente zu verbinden. Seine Legenden liefern das, was man vermutet: Wahre Geschichten, die mit Phantasie angereichert, erst zur Legende werden. Und so beginnt er sein goldenes Werk im letzten Kapitel: "Bruder Jacobus de Voragine aus dem Orden der Prediger, der achte Erzbischof der Stadt Genua, trat sein Amt im Jahre des Herrn 1292 an und wird am Leben bleiben, solange es Gott gefällt." Die Chronik der Stadt Genua ist die eine Seite; die Viten der großen Heiligen bestimmen sein Werk innerhalb des Kirchenjahres, berichten über Wunder, die der Heilige in seinem Leben oder postum bewirkt hat und enthalten sicher eine Portion Magie. Aber nahezu immer ist der Kampf zwischen Gut und Böse bestimmend, nicht unbedingt nur physisch gemeint, sondern in der Diesseits-Relation zu den dahinterliegenden überirdischen Mächten.
Seine aufgeschriebenen Legenden sind nicht der Zeit nach geordnet, vielmehr ordnet er den Inhalt dem liturgischen Kalender unter, vom Advent bis zur Kirchweihe. Die Unterordnung der Historie unter den Heiligenkalender und des Kirchenjahres stellt damit eine Heilsgeschichte dar, auf ein Jahr bezogen wird damit die kultische Wiederkehr der historisch einmaligen Heiligenlebens (vgl. Eliade, Kosmos und Geschichte) in eine Sphäre des dauernd Gültigen erhoben. Diese communio sanctorum ist damit eine Gesellschaft von Heiligen, die mit uns ist. Da diese Legenda aurea mehr gelesen wurde zu seiner Zeit als die Bibel, zeigt, dass Geschichten, Legenden, Märchen als Lesebuch zum Lesen und Vorlesen greifbarer sich dem Menschen zeigen.
Jacobus' Verdienst ist es also, die zuvor vergangenen 1300 Jahre christlicher Mythologie aufgehoben und allen zugänglich gemacht zu haben. Er kommt damit gleich einem Homer oder eben den Sammlungen von Märchen, wie die Gebrüder Grimm es taten.
Jacobus' Legenden zeigen eine Grenzziehung zwischen dem Übernatürlichen und dem rein Erkennbaren. Sie sind in den Vermutungen metaphysisch, in der Realität bemüht um Tatsachenwissen mit Nachweis wo möglich. Doch ohne - und hier kann man Roland Barthes zu Rate ziehen - eine vorausgehende Idee von Gut und Böse, einer Idee der Zeit und der Gesellschaft kann man diese Literatur nicht beurteilen. Fest steht insofern, dass Legenden wie der Mythos eine Aussage darstellen. In der Art und Weise, wie man das Geschehen vermittelt, erlebt man, dass das Universum unendlich suggestiv sein kann. Mit jeder Benennung und Beschreibung erwächst aus dem Objekt ein Phänomen, das mit Bildern und Emotionen angereichert zum gesellschaftlichen wie religiösen Gebrauch ins Leben tritt. Bis heute.
Und so ist diese erlesene Auswahl wichtiger Heiliger von Jacques Laager (Aposteln, Evangelisten, Märtyrer, ...) ein Einstieg, der neugierig macht auf das, was unsere Historie noch heute in der Jetztzeit ausmacht. Das Andreaskreuz an Bahndämmen hat welche Bedeutungsherkunft? Der Tag der Siebenschläfer wird am 27.Juni erneut auftreten. Welche Bewandtnis hat dieser? Was sagt die Legende und die Sure 18 (siehe da), die dieses Legendenthema wieder aufnimmt? Und nicht nur diese Fragen finden eine Antwort, sondern ebenso die Herkunftsfragen des Blasiussegen, was machte der Heilige Antonius und was bewog den Heiligen Nikolaus seine Töchter zur Prostitution freizugeben und wie wurden sie verschont? Warum biss sich Paulus die Zunge ab? Was ist für Sebastian die neue Art zu sterben?
Was ein Bestseller im 13. Jahrhundert war, erst unter Luther in Verruch geriet, kann heute ein interessanter Wissens-Seller sein, der amüsant und klar die Herkunft mancher Bräuche deutlich macht, aber auch die Interpretation der Kunst der Renaissance anreichert.
Die Ausgabe aus dem Manesse Verlag hält, was Manesse verspricht. Eine sehr bibliophile Ausgabe mit goldenem Lesebändchen und 16 kleinen Miniaturen und Deckfarbengemälden, die das hohe Niveau der Buchmalerei in der Hochblüte des Mittelalters dokumentiert.
Insgesamt eine anregende Gestaltung, aus historischer, religöser wie aus kunsthistorischer Sicht.
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