Die hier angebotene "klassische" Ausgabe hat Richard Benz aus dem Lateinischen übersetzt (Erstausgabe in zwei Bänden 1917-1922 bei Diederichs, Jena, spätere Ausgaben bei verschiedenen Verlagen). Ob die hiesige Ausgabe von GVH Wissenschaft & Gemeindepraxis vollständig ist, weiß ich nicht. Die website des Verlags äußert sich hierzu nicht.
Bei reclam (8464) gibt es deutsch-lateinische Auswahlausgabe, Übersetzung von Rainer Nickel. Manesse bietet ebenfalls nur eine Auswahl an, übersetzt von Jacques Laager. Ich rate von Auswahlausgaben immer ab. Was man sucht, findet man nicht.
Jacobus de Voragine, ein Dominikanermönch und späterer Erzbischof von Genua, hat umlaufenden Legendenstoff gesammelt. Darunter befand sich auch in erheblichem Umfang apokryphes ("verborgenes"), also vom Kanon der heiligen Schriften ausgeschlossenes Material. Die Malerei des Mittelalters (und nicht nur sie allein) hat sich nicht zuletzt solche bisweilen im Mittelalter populären apokryphen Texte zum Gegenstand genommen.
So kehren wesentliche Elemente des sogenannten Protevangelium des Jakobus (zwischen 150 und 200 n. Chr.) in der Legenda Aurea (um 1300) wieder ("Von der Geburt der seligen Jungfrau Maria" mit den Geschichten von Joachim, Anna, und der Verlobung Josephs mit Maria; "Von der Verkündigung des Herrn"; "Von der Geburt Sanct Johannis des Täufers"; "Von der Geburt des Herrn" mit reizenden Details wie dem an sich nichtbiblischen Tierpaar Ochs und Esel (aber schon in der spätantiken Kunst belegbar), ferner auch zwei Hebammen, welche dann die Jungfräulichkeit Marias vor und nach der Geburt "bezeugen" werden). Giotto hat gerade das Marienleben dieses Stoffs in seinen weltberühmten Fresken in der Cappella degli Scrovegni (Arenakapelle") in Padua "illustriert". Genau diese (und viele andere) Geschichten fehlen in der Auswahlausgabe von reclam, so auch die Geschichte "Von der Enthauptung Johannis des Täufers", zu welcher Jacobus de Voragine die von Matthäus 14, 1ff. nur knapp berichtete Vorgeschichte von Herodes und Herodias genealogisch weiter ausbaut.
Ferner berichtet Jacobus de Voragine beispielsweise zwei Kreuzeslegenden, welche - da kunsthistorisch wichtig - bei reclam natürlich fehlen: "Von des heiligen Kreuzes Findung" erzählt die Geschichte des Kreuzesholzes beginnend mit der Pflanzung des Baumes durch Adams Sohn Seth (und zitiert hier selbst das apokryphe Evangelium des Nikodemus) bis zur Auffindung durch Helena. "Von dem heiligen Kreuz als es erhöhet ward" erzählt von dem angeblichen Raub des heiligen Kreuzes aus Jerusalem durch den Perserkönig Chosrau II. im Jahre 614 n. Chr. und der Wiedergewinnung des Kreuzes durch den oströmischen Kaiser Herakleios im Jahr 630 n. Chr. Diese Doppellegende haben Agnolo Gaddi in der Chorkapelle von S. Croce in Florenz (um 1385-1387) und Piero della Francesca in seinem weltberühmten Freskenzyklus in der Kirche San Francesco in Arezzo (1447-1451?) dargestellt.
Jacobus de Voragine zitiert öfters ausdrücklich die von ihm herangezogenen Quellen und umgibt die Legenden mit religiösen Interpretationen und Unterweisungen. Wer sich hierauf einlassen kann, erhält - über die Legendensammlung - hinaus eine recht anschauliche Vorstellung davon, wie vielleicht im Mittelalter volkstümliche Predigten beschaffen gewesen sein können. Religionsgeschichtlich ist vieles hochinteressant, etwa wie vermeintliche Lücken in den kanonischen Schriften geschlossen werden: So scheint man mit der Abstammung Jesu "aus dem Geschlechte Davids" ( vgl Matth. 1; Luk 1, 27) Schwierigkeiten gehabt zu haben, da der aus Davids Geschlecht stammende Joseph eben nicht Jesu leiblicher Vater war. Also "konstruierte" man eben eine Abstammung Marias aus Davids Geschlecht. Für die jungfräuliche Empfängnis und Geburt werden sogar zwei Hebammen als "Zeugen" beigebracht, eine davon zunächst ungläubig wie später der Apostel Thomas.
Literatur zu den Apokryphen:
- Apokryphen zum Alten und Neuen Testament. Herausgegeben, eingeleitet und erläutert von Alfred Schindler, Manesse Verlag Zürich, 1988, 1998. Auswahlausgabe.
- Evangelia infantiae apokrypha. Apokryphe Kindheitsevangelien. Band 18 der Reihe Fontes christiani". Griechisch/lateinisch/deutsch. Übersetzt und eingeleitet von Gerhard Schneider, Freiburg im Breisgau, 1995. Einige Texte gekürzt, vgl. S. 28. Umfängliche Text- und Literaturnachweise.