Da sind sie wieder, die beiden hässlichen aber kongenialen(fast) Typen von JMT.
JMT, das sind Rapper Vinnie Paz und Produzent Stoupe the Enemy of Mankind und gemeinsam
treiben sie schon seit knapp 10 Jahren(wenn nicht sogar etwas drüber) ihr Unwesen im hiesigen Musikgeschäft. Erfahrene Leute also die aber keinesfalls nach potenziellen Rentnern klingen. Eher sind die beiden dafür bekannt auf eine gewisse radikale Art ihren Sound durchzusetzen und den "old-school boom-bap" Sound am Leben zu erhalten und trotzdem dabei frisch wie ausm Ei gepellt zu klingen(oder so...).
Mit "Legacy of Blood" schicken sie sich nunmehr zum vierten Male zu Großtaten an.
Erinnern wir uns:
1997 droppten sie ihr vielbeachtetes Debütalbum (Luft holen!) "The Psycho-Social, Chemical, Biological
and Electro-Magnetic Manipulation of Human Counsciousness" (puuh!). Auf diesem bediente man sich schwer an Verschwörungstheorien, Akte-X mäßigen Sci-Fi-/Alienmystery sowie kriptischen und biblischen , (post-)apokalyptischen Verweisen und Metaphern. Man lese nur die haarsträubenden Namen der Gastrapper wie z.B. "Breath of Judah", "El elohiem", "Sun Pharao", "Apathy the Alien Tongue" oder "Lost children of Babylon".Das Album klang durch die Bank weg mysteriös und unheimlich.
Alles in allem großes Mysterykino.
Im Jahre 2000 wechselte man das akustische Filmgenre und schob mit dem Album "Violent by Design" einen wahren Kriegsfilm hinterher. Der Titel ist Programm, das Motto lautet "lyrical warfare" und alle Beteiligten setzen alles daran dieses punktgenau umzusetzen. Dazu gesellen sie unzählige stimmige Skits und Zitate aus einschlägigen Filmen. Manch ein Stück klingt wie aus einem Actionsoundtrack genommen. Dieses Album wird ein absoluter Meilenstein des US-Undergrounds und gilt bis heute als DAS Meisterstück des Duos aus Philadelphia. Eine durchgängige Guerilla-Dschungelkampfatmosphäre durchzieht das Album.
Nochmal 3 Jahre später hauen sie uns "Visions of Gandhi" auf die Pfanne. Es ist das bis heute experimentellste, dadurch abwechslungsreichste und einsteigerfreundlichste Album der Jedis. Und in den Augen vieler auch das schlechteste. Neu waren nämlich beschwingte Latin-Salsa Sounds die zusammen mit den seit jeher wütendsten Raps von Vinnie Paz ein gewöhnungsbedürftiges Himmel-und-Hölle Gebilde ergaben. Dope Tracks waren dennoch vorhanden die an "Violent by Design" anknüpften und die ihre Vorliebe für teils bombastische (Orchester-)Soundgebilde weiter untermauerten. Im Endeffekt klang das Album aber ein wenig nach Hollywood-Genrecocktail.
Was kann man also von "Legacy of Blood" erwarten? Erstmal das, was man wahrscheinlich noch in 5 Jahren von einem JMT Album erwarten kann: Atmosphäre ohne Ende, zahlreiche Skits und Interludes die sich aber immer sehr stimmig ins Gesamtbild einfügen und das Album vorantreiben. Es war bisher nie anders.
Vielversprechende Titelnamen. Bombastische Sounds, melodische Beats und Streicher und ein Schuss Exotik. Subtile, gepitchte Voicesamples. Zitate aus Film und wahrscheinlich auch Fernsehen. Und wahrscheinlich wird Vinnie Paz selbst in 10 Jahren immer noch so klingen wie ein verbitterter Pitbullfettsack, nur Stunden vor einem Amoklauf. Summasumarium: Man darf wieder großes Kino erwarten.
Und siehe da, man wird nicht enttäuscht: Alles vorhanden und noch ein bisschen mehr:
Die sonst so furztrockenen Drumgerüste haben etwas an Schmackes und Abwechslung zugenommen, die sonst so zahlreich vertretenen Gäste beschränken sich diesmal auf 4 : Der allseits bekannte und geschätzte GZA/Genius vom Wu-Tang Clan, Killah Priest aus dem Wu Umfeld, Sean Price aus der Boot Camp Clik
und der mir nichts sagende Des Devious. Hochkarätig. Die weniger gewordenen aber noch vorhandenen Latineinflüsse klingen nicht mehr wie Tequilapartysessions oder nach Sonne und Strand sondern gehen nun klanglich differenzierter, teilweise emotional tiefer und sensibler. Die gesamte Gangart ist wieder ein, zwei Stufen härter geworden und das Album klingt aufgrund seines wieder durchgehenden melancholisch-dramatischen Vibes in sich geschlossener als der Vorgänger. Wer aber denkt, JMT würden sich immer nur wiederholen, der irrt. GeradeStoupes Sampleauswahl bietet eigentlich fast immer in dieser Form nie zuvor gehörtes und meines Erachtens darf er zu den derzeit interessantesten und kreativsten Beatbastlern gezählt werden. MUSS sogar.
Größter potenzieller(für viele issers schon) Angriffspunkt wären da (leider) nur noch die Texte von Vinnie Paz.
Ich persönlich finde seinen sehr aggressiven Flow irgendwie sehr ansprechend. Es klingt nie aufgesetzt sondern ehrlich und von Herzen. Er selbst beschreibt sich als verbitterte Person die viel leidet und er lässt keine Gelegenheit aus dies zu vermitteln. Und auf "Visions of Gandhi" und hier schimmert stets durch, dass er sehr gutes, lyrisches Potenzial besitzt. Meistens aber ist er durch und durch hardcore der bisweilen an die Grenzen des guten Geschmacks geht(manchmal auch drüber) und hin und wieder entdeckt man wiedersprüchliches.
Wir haben es hier außerdem mit einem bekennenden Muslim zu tun der, wenn er mal wieder die Institution Kirche kritisiert, manchmal wie ein Extremist anmutet(unter Vorbehalt, dass er durchaus auch übertreiben könnte).
Das sollte dem allgemeinen Hörgenuss aber nur bedingt bis gar keinen Abbruch tun. Ich empfehle schlichtweg Stimme und Flow von ihm versuchen zu fühlen und die Worte selbst etwas zu vernachlässigen.
Ansonsten bleibt mir nur eins zu sagen: Jedi Mind Tricks did it again! Ein famoses Album welches "Violent by Design am nächsten kommt. Wieder großes Kino. Melodramatisches Kino mit einer Prise Action und Düsterkeit. Bitte kaufen.
Anspieltipps:
"Saviourself" feat. Killah Priest und "Philosophy of Horror"- Latingitarren wie oben beschrieben: emotional,
gefühlvoll
"On the Eve of War" feat. GZA + Remix- interessant: 2 Versionen desselben Lieds auf einem Album. Das
Original besticht durch dramatisches Klassiksample und treibt voran;
Soldaten in der Schlacht; der Remix ist ruhiger durch seine Gitarren;
die bedächtliche Stille vor und nach der Schlacht, ...auch interessant
wie jeweils einer der beiden rapper auf dem einen Mix besser zur
Geltung kommt als der andere und umgedreht.
"Before the Great Collapse"- jeder kennt das in seinem Leben: es gibt Zeiten da läuft alles schief und man
möchte am liebsten damit schluss machen. Wie wohl die letzten Worte in einem
Abschiedsbrief klingen würden? Vinnie Paz zeigt uns seine ganz persönliche
Version dieser Möglichkeit. Sehr ergreifender Text und ergreifend vorgetragen.
Aber eigentlich sind alle Tracks großartig.