In den vergangenen vielleicht zehn Jahren haben historische Reiseberichte, entstaubt und angereichert mit zeitgenössischen Ansichten, grossen Anklang gefunden - beispielsweise T.C.Boyle's "World's End" und "Wassermusik", oder Matthew Kneale's "Englische Passagiere". Das kommt offenbar dem Wunsch des Lesepublikums nach fernen Welten und fremden Kulturen entgegen. Mit "Leeres Viertel" hat sich auch ein deutscher Autor auf dieses Terrain gewagt - für meine Begriffe mit diskutablem Erfolg.
Roes vermittelt grosse Einblicke in die jemenitische Kultur, Gegenwart und vor allem den Alltag, für die man ihm dankbar sein muss: obwohl ich noch nie selbst im Jemen war, halte ich seine Tagebuch-Eindrücke für ausgesprochen glaubwürdig, er erreicht damit das, was ein Reiseautor nur erreichen können will: er bringt das Land dem Leser nah, man glaubt ihm sowohl Liebe als auch Distanz. Seine kulturelle Offenheit läßt kein Thema aus, auch seine philosophisch-essayistischen Einsprengsel (vor allem über das Spielen) sind bisweilen aufschlussreich.
Nicht ganz so begeistert bin ich aber über den Versuch, sein eigenes jemenitisches Tagebuch (aus der Sicht eines deutschen Anthropologen der Neuzeit) mit einem (erfundenen) historischen Reisebericht zu koppeln; ein hohes Ziel, aber leider knapp verfehlt, denn den Geist des 18. Jahrhunderts mag der Autor, trotz angestrengt "altherthümlichen" Schreibstils, seinem fiktiven Reisenden Alois Schnittke nicht so recht einzuflössen. Zu aufgeklärt, zu multi-kulti begegnet einem Schnittke, zu wenig ist er vom Denken seines eigenen Jahrhunderts geprägt. So will einem das Tagebuch des historischen Reisenden nicht ganz so glaubwürdig erscheinen wie das des zeitgenössischen. Allerdings hat mir im historischen Reisebericht ein Stilelement besonders gefallen: die Unterbrechung der Handlung gerade an den spannendsten Augenblicken, ein Schnitt, erhöht die Spannung bisweilen noch, kann man doch an diesen Stellen darauf gefasst sein, dass dem Tagebuchautor hier etwas ganz besonderes zugestossen ist, das erst später Stück für Stück aufgedeckt wird. Das hält die Freude am Lesen wach.
Die vielen philosophischen Einsprengsel können zwar gelegentlich interessant sein, oft sind sie aber auch sehr zäh, lassen insgesamt eher den Eindruck vom "Wissenschaftler im Elfenbeinturm" zurück, und haben oft nichts mit dem konkreten Geschehen im Jemen zu tun. Es hätte dem Buch gut getan, wenn es der Autor in dieser Hinsicht um zwei-, dreihundert Seiten gekürzt hätte. Auch den Handlungsfaden wünschte man sich gestrafft: zu viele Personen treten auf und wieder ab, ohne dass sie einen erkennbaren Einfluss auf das Geschehen hinterlassen. Hätte der Autor hier einen fiktiven "Roten Faden" zugefügt, ein bisschen dazufabuliert und die Kernhandlung auf ein paar Hauptpersonen beschränkt - auch das hätte dem Roman gutgetan. Über weite Strecken ist der rote Faden eigentlich nicht erkennbar, und man liest allein wegen des kulturellen Interesses am Land weiter. Dramatisch ändert sich das allerdings zum Guten in Teil II (ziemlich weit hinten), als der (zeitgenössische) Tagebuchschreiber von Stammeskriegern entführt wird, wodurch Bewegung in die Handlung kommt.
Ich habe manches Mal überlegt, ob ich das Buch wirklich zu Ende lesen soll (das ist für mich kein Zwang), habe es letztlich trotz aller Längen getan und bin recht froh darüber. Viel Spaß beim Entdecken einer fremden, unbekannten Kultur im Jemen!