Bis vor sechs Wochen war sie noch die Freundin von Kriminalkommissar Brasch. Jetzt ist Leonie fort und Brasch über Nacht zum Grübler mutiert, dessen Gedanken Tag und Nacht ausschließlich um die Verschwundene kreisen. Als das Telefon klingelt, meint er, sie wäre es, aber es sind dann doch nur die Kollegen. Eine Frau ist ermordet worden, vor der Schule, in der Leonie arbeitet. Brasch stößt schnell auf eine heiße Spur - Leonie wohnt bei der Mutter der Toten! Ach ja, der Mord. War wohl der Ex-Freund der Toten, ebenfalls Lehrer an der Gesamtschule. Achim Stocker ist mit einer Frau verheiratet, nach der sich vor Jahrzehnten sämtliche Männer Kölns verzehrt hatten, aber nun ist Katharina Stocker ein tablettenabhängiges vertrocknetes Wrack, und Stocker sucht sich hübschere Häschen - darunter die Ermordete und, allem Anschein nach, auch Leonie!
Tagsüber zerreibt Brasch sich in seinen Bemühungen, Stocker zu überführen sowie Leonies neue Adresse herauszufinden, und nachts denkt er an Leonie, und an Leonie, und nochmal an Leonie. Wenn er nicht an Leonie *denkt*, *sieht* er sie auf seiner Terrasse, ach nein, es ist doch nur wieder die so schöne wie seltsame Reporterin Ina, die ihn mit Informationen bedenkt. Hat Ina Hintergedanken? Was würde Leonie wohl dazu sagen?
Dann wird der Direktor der Gesamtschule tot aufgefunden. Warum wollte Stocker - Leonies Liebhaber?!? - Georg Grupe aus dem Weg räumen? Auch Grupe gehörte seinerzeit zu Katharinas Verehrern, immerhin war sie Reiterin, da bleibt sowas nicht aus. Leonie ist nie geritten, aber sie malt gern, und Brasch ergeht sich in langer Reminiszenz von Leonies kreativen Beschäftigungen... wird er sie je wieder so sehen? Wird er sie *überhaupt* jemals wiedersehen?
Und so weiter, und so fort. Der Roman ist ein tiefer, grauer Sumpf, durch den die Hauptfigur verdrossen stapft, auf der Suche nach der verlorenen Geliebten, und dem Sinn des Lebens, und nach sich selbst, und, oh ja, stimmt, da war ja auch noch was mit einem Mord. Den verfolgt Brasch in erster Linie deshalb, weil an allen Ecken und Enden seine Leonie auftaucht. Zwischendurch kurvt er durch Köln und stellt fest, wie grau und öde es überall ist, wie schrecklich, unentrinnbar, gnadenlos öde.
Die Handlung steckt bis unters Kinn im Befindlichkeitsmorast, stets wird ausgelotet, wie Brasch sich gerade fühlt und was ihm durch den Kopf geht (in 99% der Fälle die schöne, edelmütige Leonie), gern wiedergegeben in pseudo-profundem Gefasel der Marke "hä?": "Er war auf dem Planeten der Einsamkeit gelandet und stand dem geliebten Menschen gegenüber, den er aber nicht erreichen konnte [...]. Vielleicht gab es irgendwo am Himmel einen Satelliten für hoffnungslos Verliebte, über den er ihr sein SOS zufunken konnte, oder vielleicht musste er ein Raumschiff einmal um den Planeten schicken, damit es ihr seine Flaschenpost überbrachte." (S.173)
Gleichzeitig fand ich Brasch und seine Fixierung grundsätzlich unheimlich; die Art, wie er der Ex-Freundin nachstellt, erinnert schon an Stalking. Auch scheint er traditionellen Rollenmustern arg verhaftet - nach Inas Besuch etwa ist Braschs Schlafzimmer nicht länger die männlich versiffte Lotterbude, nein, es "verriet die ordnende Hand einer Frau." (S.164) Bei solch eigener Weltsicht überrascht es auch nicht weiter, daß Rohn offenbar Tom Waits mit Shane MacGowan verwechselt und aus dem gebürtigen Kalifornier einen "waschechten Iren" macht.
Ob man die Verlorenheit des Verlassenen aufgrund eigener Erfahrungen nachvollziehen kann, ist eine Sache; ob man das über 250 Seiten ausgewalzt und als Krimi (!) verkauft lesen möchte, eine ganz andere. Selbst der Autor hat sich offenbar dem einschläfernden Ton des Buches nicht entziehen können; so wechselt der weitgehend rufnamenlose Brasch im Verlauf der Handlung den Vornamen - von "Matthias" (S.34) zu "Martin" (S.102, 183). Kein Wunder. Der einzige Name, dem man in "Leere Spiegel" nicht entkommen kann, lautet "Leonie".