Pressestimmen
(Shogun - Heft 1/2008)
Roland Habersetzer, 9. Dan Karatedo, Hanshi, über die französische Ausgabe dieses Buches, 15.04.2004; Quelle: tengu.fr
Kurzbeschreibung
Autorenkommentar
Klappentext
Mabuni Kenei, Träger des 10. Dan, wurde 1918 auf Okinawa, dem Ursprungsort des Karatedo, geboren. Als Sohn eines der bedeutendsten Karateexperten in der Geschichte der Kampfkünste kam er von Kindheit an mit dem Karate und einigen seiner größten Meister in Berührung. Im Alter von 34 Jahren übernahm er den Vorsitz des Shito ryu. Noch heute, im hohen Alter, hält er regelmäßig Lehrgänge in verschiedenen Teilen der Welt, in denen er authentisches Karatedo vermittelt.
"Dieses Werk, aus dem eine ebenso vergessene wie wertvolle Vergangenheit zu uns spricht, ist eine Einladung, dem Weg des 'vollendeten Menschen' zu folgen, welcher der wahre Weg des Karatedo ist. Soke Mabuni geht sogar über diesen Weg hinaus, indem er Verbindungen zu buddhistischer, taoistischer und konfuzianischer Spiritualität knüpft. Möge seine Botschaft gelesen und verstanden werden." Roland Habersetzer, 9. Dan Karatedo, Soke (Tengu ryu)
Buchrückseite
Über den Autor
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wie bereits dargestellt, entstanden auf Okinawa einzigartige Kampftechniken, die man Hand (te) nannte. Um sich gegen die Satsuma-Samurai zu wehren, die die Inseln beherrschten und eine Politik der völligen Entwaffnung ihrer Untertanen betrieben, mußten die Einwohner der Ryukyu-Inseln waffenlose Selbstverteidigungstechniken bis ins Extrem entwickeln. Das ist das eigentliche Karate.
Der entscheidende Antrieb für die Entstehung der Techniken und Ideen des Karate war der antizipierte Feind, insbesondere die Jigen-Schwerttechnik der Satsuma-Samurai: der "Flammenwolke" (unyo) genannte erste Schwertschlag. Die Mission des Karate bestand darin, mit "leeren Händen" sich selbst, seine Familie und das Volk der Ryukyu-Inseln gegen das "Flammenschwert" der Satsuma-Krieger zu verteidigen.
Doch nicht nur im Karate entwickelte sich die Kunst, mit bloßen Händen gegen einen bewaffneten Gegner bestehen zu können. Der große Schwertkämpfer Yagyu Sekishusai (1527-1606) entwickelte die muto-dori-Technik, die den absoluten Höhepunkt der japanischen Schwerttechnik und die Essenz des Yagyu ryu darstellt. Um die muto-dori-Technik begreiflich zu machen, möchte ich zeigen, wie Yagyu Sekishusai zu ihr gelangte. Zunächst studierte er Schwerttechniken, den Shinto-Stil bei Iizasa Moritsuna und den Toda-Stil des tojutsu bei Toda Seigen. Im Kofuku Ji Tempel in Nara erhielt er von Kakuzenbo Inei Unterricht im Hozoin-Stil des yari-Speerkampfes. Mit Mitte 30 galt er in der Region von Kinai als der größte Techniker des Schwertkampfes. Aber es gibt immer jemanden, der noch besser ist. In diesem Fall handelte es sich um den Ahnherren des Shinkage-Stils Kamiizumi Nobutsuna (1508-1578). Nobutsuna war unter Aisu Ikosai in die Geheimnisse der Kage-Stils eingeweiht worden. Später entwickelte er daraus mit vielen eigenen Ideen den sogenannten neuen Kage-Stil (Shinkage ryu). Selbst Takeda Shingen lud ihn ein, zu außerordentlich vorteilhaften Bedingungen in seine Dienste zu treten. Er aber lehnte dieses Ansinnen kategorisch ab und zog es vor, mit einigen Schülern das Land zu bereisen. Als die Reisegesellschaft nach Ise kam, hörte Nobutsuna von der Kampfkunst des Sekishusai, und es dauerte nicht lange, bis dieser Nobutsuna zu einem Kräftemessen herausforderte. Dieses endete für Sekishusai allerdings mit einer vollständigen Niederlage. Und er wurde nicht nur vom Meister besiegt. Auch dessen Meisterschüler Suzuki Ihaku fertigte ihn dreimal wie einen Schuljungen ab. Unverzüglich bat Sekishusai Nobutsuna, ihn als Schüler anzunehmen. Nobutsuna stimmte freudig zu und erklärte Sekishusai in einer dreitägigen Klausur die Essenz seines Shinkage-Stils. Nobutsuna begleitete Sekishusai sogar zu dessen Heimatort, blieb dort mit seinem Gefolge ein halbes Jahr und erteilte Sekishusai und dessen Schülern Unterricht.
Sekishusais starker Wille und seine geradezu genialen kämpferischen Fähigkeiten sollen Nobutsuna sehr beeindruckt haben. Bevor er abreiste, hinterließ er Sekishusai einen koan: "Wie kann man ohne Schwert ein Schwert führen?" bzw. "Wie wird ein Schwert entmachtet?" Dies stellte ein Ideal des Shinkage-Stils dar, das Nobutsuna trotz vieler Versuche noch nicht erreicht hatte. Sekishusai sollte ihm helfen, das Problem des muto zu ergründen, d. h., die Frage, wie man sich waffenlos gegen ein blankes Schwert behaupten kann.
Als Nobutsuna nach einigen Jahren Yagyu Sekishusai wieder besuchte, offenbarte dieser ihm das Ergebnis seines rastlosen Studiums. Als Gegner wurde wieder Suzuki Ihaku ausgewählt, der Sekishusai vor Jahren im Schwertkampf geradezu hinweggefegt hatte. Der Kampf dauerte nur einen Moment. Aus Sekishusais Hand sprang ein Fächer auf und Ihaku stieß ins Leere. In diesem Augenblick drehte sich Sekishusai in seinen Gegner hinein, griff die Unterseite seines Handgelenks und entwand ihm das Schwert. Als Nobutsuna das sah, sagte er: "Dein Herz ist so frei wie das Wasser, das seine Form verändert, wenn es ein Gefäß füllt. Es gibt nichts, was ich dich noch lehren könnte." Er übergab ihm eine Meisterlizenz und vier Bildrollen, die ein Verzeichnis der geheimen Kampftechniken seiner Schule enthielten. Dies war die Geburtsstunde des Yagyu ryu.
Aus dieser Episode könnte man folgern, das muto dori bestünde allein aus der Technik, mit einem Fächer einen Stoß abzulenken. Tatsächlich ist es aber keine Technik, sondern ein seelischer Zustand. Das brachte Sekishusai mit den Worten zum Ausdruck: "Wie alles aus dem Nichts entsteht, so ist waffenlos zu sein die Essenz des Kämpfens." Es ist eine seelische Einstellung, die in Körper- und Schwerthaltungen, der Anpassung an die Atmosphäre des Ortes, der Distanz, der Bewegung und anderen Eigenschaften des Kampfes zum Ausdruck gebracht wird. Es geht auch ohne Fächer. Man muß auch ohne Schwert ruhig bleiben, seinem Gegner gegenübertreten mit allem, was die Situation gerade bietet und einen Zustand äußerster seelischer Gelassenheit annehmen. An einem solchen Scheidepunkt zwischen Leben und Tod bleibt keine Zeit für Äußerlichkeiten. Man läßt alle Rücksicht auf die eigene Erscheinung oder die Meinung der Leute fallen und tritt dem Gegner auf ganz natürliche Weise gegenüber. In dieser Haltung liegt auch der Geist des Karate. Im Karate braucht man keine Waffen. Karate bedeutet, sich nicht ans Schwert zu klammern. Die Zeichen für das Wort Karate kann man aber auch als ku te lesen. Ku steht für leer oder Leere, te für Hand. Aus der Leere kann alles entstehen. Das bedeutet, daß jeder Gegenstand und jeder Körperteil im Karate zur Verteidigung eingesetzt werden kann, wie z. B. Hand, Fuß oder Ellbogen.
Damals hat Sekishusai seinen Fächer gezogen; heute würde er vielleicht einen Kugelschreiber wählen. Wenn man damit auf das Gesicht des Gegners zielt, ist auch ein solcher für die Verteidigung ausreichend. Im Karate wird alles zur "Hand". Eine Frau könnte z. B. wirkungsvoll zubeißen. Das wäre auch hervorragendes Karate im Sinne des muto dori. Man sieht, daß die geistige Haltung des muto dori die gleiche ist wie jene, aus der heraus sich das Karate entwickelte. Die Weiterentwicklung des Karate erfolgte in engem Kontakt mit anderen Kampftechniken, insbesondere mit dem chinesischen Kempo. Wie schon erwähnt, hatten die chinesischen Gesandten Leibwächter in ihrer Begleitung, die das damalige chinesische Kempo meisterhaft beherrschten. Die einheimischen Bushi (Krieger), die sich in den Ryukyu-Kampftechniken (ti oder te) gut auskannten, nutzten jede Gelegenheit, um heimlich von diesen Leibwächtern oder Militärbeamten zu lernen. Andere waren mit Tributschiffen nach China gereist, hatten das wahre Kempo vor Ort studiert und ihr Wissen mit nach Hause gebracht. Mit der Integration des chinesischen Kempo entwickelte sich das Okinawa-te zur weltweit und historisch einzigartigen Handkampftechnik.