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am 27. Mai 2009
Ecos "Lector in Fabula" (ursprünglich auf Italienisch 1979 erschienen) ist ein rezeptionstheoretischer Beitrag zur Erzähltheorie, der sich jedoch - anders als Iser oder gar Ricoeur - offen zeigt für den relativen Wert der strukturalistischen Narratologie. Die zentrale These Ecos lautet, so wie es der Untertitel bereits nahe legt, dass die Struktur narrativer Texte nicht einfach objektiv gegeben ist, sondern sich der "Mitarbeit der Interpretation" verdankt.

Grundlage für diese Position ist zum einen die Zeichentheorie von Peirce, zum anderen aber auch Ecos eigene semiotische Konzeption, die er wenige Jahre vorher für sein Buch "Semiotik. Entwurf einer Theorie der Zeichen" noch einmal überarbeitet und systematisiert hat. In einiger Hinsicht erscheint "Lector in Fabula" tatsächlich als text- und erzähltheoretische Ausarbeitung von Ecos Semiotik und entsprechend häufig wird auch auf den "Entwurf" zurückverwiesen.

Wie auch in anderen theoretischen Werken Ecos ist auch "Lector in Fabula" durch eine theoretische Synthese oder, salopp formuliert, durch einen Spagat zwischen Rezeptionstheorie und semiotischem Objektivismus gekennzeichnet. Einerseits betont er - hierin der Rezeptionstheorie verbunden -, die große Bedeutung von Lesererwartungen für die Konstitution der erzählten Geschichte, für den Plot. Um dem sich aufdrängenden Verdacht der Beliebigkeit der Interpretation zu entgehen, relativiert er die rezeptionstheoretische Orientierung jedoch durch zwei Thesen.

Zum einen stellt Eco nicht den empirischen Leser als Rezeptionsinstanz in den Mittelpunkt seiner Untersuchung sondern vielmehr den "Modellleser". Der Modellleser ist ein theoretisches Konstrukt. Es bezeichnet den Leser, der das Werk zum Zeitpunkt des Erscheinens des Werkes vor dem Hintergrund bestimmter künstlerischer und allgemein ideologischer Erwartungen gelesen haben könnte. Wer einen Erzähltext verstehen möchte, so die These, der muss versuchen nachzuvollziehen, wie der Text die Erwartungen des Modelllesers steuert und mit ihnen spielt.

Womit bereits die zweite Relativierung der rezeptionstheoretischen Orientierung anklingt: Für Eco ist zwar die Mitarbeit des Lesers an der Gestaltung des Erzähltextes essentiell. Diese Mitarbeit ist jedoch nicht im Sinne einer rein subjektiven Konstruktion vollkommen frei, sondern sie muss sich an den Signalen orientieren, die der Text dem Leser gibt. Jenseits der in den letzten Jahrzehnten etwas übertriebenen radikalen Unterscheidung von "Ebenen" narrativer Texte geht Eco davon aus, dass die Konstruktion eines Erzählplots sich einer Erwartungsbildung verdankt, die ihren Ausgang nimmt vom sprachlichen Material. Die Oberflächenstruktur erscheint so nicht allein als sprachliche Oberfläche des Textes, sondern in ihr finden sich die Signale, auf deren Grundlage der Leser seine Erwartungen über Konflikte und Handlungssequenzen bildet, der Stoff, aus dem Geschichten werden. Die narrative Versprachlichung und die erzählte Geschichte erscheinen so nicht als getrennte "Ebenen", sondern als zwei Momente einer Dynamik der Lektüre.

Durch die Integration strukturalistischer Begriffe und die enge Orientierung an seiner semiotischen Konzeption bietet Ecos Buch für Fragen der narrativen Figuration viele wichtige Anregungen. In einiger Hinsicht bietet er hier nützlichere Konzepte als einige der neueren Ansätze der "Möglich-Welten-Theorie" (Ryan, Ronen, Doloz'el, Pavel), deren Entwicklung im Übrigen durch Ecos Buch maßgeblich angeregt wurde. Und nicht zuletzt antizipiert Eco mit seiner Konzeption viele Vorstellungen neuerer kognitionstheoretisch orientierter Positionen von Narratologie und Texttheorie. Insgesamt eine nicht nur sehr anregende, sondern auch konzeptionell weiterführende Lektüre auch heute noch.
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