Joseph T. Hallinan schrieb lange für das Wall Street Journal und gewann 1991 mit Susan M. Headden zusammen den Pulitzer Preis für investigativen Journalismus. Ganz verlassen hat er das Gebiet seiner damaligen Recherchen nicht, wenn er nun über Fehlleistungen menschlicher Wahrnehmung und Verhaltensweisen schreibt. Dennoch merkt man, dass er die Welt der Neurowissenschaftler nicht sonderlich gut kennt und sich bei seinen Ausführungen primär auf bekannte Studien, Experimente und eher populärwissenschaftliche Sekundärliteratur stützt. Das ist weiter nicht schlimm, hat aber den Nachteil, dass der Leser wenig darüber erfährt, weshalb die Evolution ein Datenverarbeitungssystem zusammenbastelte, das beim einzelnen Menschen so häufig zu dummen Fehlern führt. Denn was sich bei einem Individuum oft als ärgerliche und manchmal sogar lebensbedrohende Fehlleistung entpuppt, geht meist auf Baupläne zurück, die der Gattung Mensch bis heute das Überleben sicherte. Würden wir uns rationaler verhalten und jedes Risiko vermeiden, wäre die für die Fortpflanzung nicht unbedingt von Vorteil. Mehr über unsere Wahrnehmungs- und Entscheidungsfehler zu wissen, kann allerdings trotzdem nicht schaden. Denn einige Brain-Scripts lassen sich sogar umschreiben, wenn wir uns intensiv um Korrekturen bemühen. Das zeigt zum Beispiel die Fehlerreduktion bei Berufen, in denen es um Leben und Tod geht.
Warum wir uns auf anderen Tätigkeitsgebieten mit Veränderungen schwerer tun als in der Medizin, in der Fliegerei oder im Militär, erklärt uns der Autor ebenso wie gewisse Eigentümlichkeiten weiblichen oder männlichen Verhaltens. Sprachlich gekonnt und äußerst unterhaltsam erzählt Joseph T. Hallinan von Wahrnehmungsverzerrungen, merkwürdigen Einkäufen, Börsendesastern, hochmütigen Managern, misslungenen Vorsätzen, peinlichen Barszenen, Tunnelblicken, missglückten Klassentreffen und sexuellen Prahlereien. Und meist werden seine Geschichten aus dem Alltag von prägnant zusammengefassten Studien und kreativen Experimenten begleitet. Darunter befinden sich viele, die der Leser auch in seinem Freundeskreis oder sogar allein selber durchführen kann. Zudem ermuntert Joseph T. Hallinan sein Publikum immer wieder dazu, sich die Zeit für eigene Beobachtungen zu nehmen, um aus dem Fehlverhalten anderer eventuell etwas zu lernen.
Mein Fazit: Die Geschichten über menschliches Fehlverhalten sind ebenso unterhaltsam wie lehrreich. Und da sich viele Muster wiederholen, könnte es durchaus sein, dass die Lektüre zu einer Sensibilisierung für eigene Verhaltensweisen führt, die dem persönlichen Glück im Wege stehen. Da ich in diesem Fall den Spassfaktor höher bewerte als die wissenschaftliche Genauigkeit, habe ich mich für fünf Sterne entschieden.