So wie er als Theologe die Frage Lebt Jesus? mit einem klaren Ja beantwortet, verneint der Holländische Radikalkritiker als Historiker die Frage Hat Jesus von Nazareth je gelebt? ebenso klar. In den 5 hier von H. Detering und F.J. Fabri übersetzten Texten zeichnet er auf, wie der mythische Christus zum historischen Jesus der katholischen Kirche mutierte.
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Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga war der letzte authentische Repräsentant der Amsterdamer Schule der Holländischen Radikalkritik. Noch Albert Schweitzer sprach mit Hochachtung von jenen Holländern, die "des Fragens nicht vergaßen, als es für die übrige Theologie außer Mode gekommen war." (Geschichte der paulinischen Forschung, S. 108).
Im Gegensatz zu seinem international renommierten Lehrer W.Chr. van Manen (1842-1905) bestritt Eysinga (1874-1957) nicht nur die Echtheit des gesamten "Corpus Paulinum", sondern auch die Geschichtlichkeit Jesu.
Ob es einen sogenannten historischen Jesus tatsächlich jemals gegeben hat, ist letzlich immer noch offen. Wie Eysinga vertritt hier nämlich nach wie vor eine durchaus respektable Minderheit unter Historikern und Theologen gegen das Mainstream-Prinzip "mythisierte Geschichte" das Prinzip "nachträglich historisierter Mythos".
Um mit Richard Carrier einen noch jungen an der New Yorker Columbia-Universität promovierten Althistoriker zu zitieren: "Als Historiker glaube ich, dass keine stichhaltigen Beweise existieren, um die Frage nach dem historischen Jesus in die eine oder andere Richtung zu entscheiden. Wir könnten beweisen, dass Jesus entweder existiert oder nicht existiert hat, wenn wir eine bessere Dokumentation des ersten Jahrhunderts hätten, vor allem der frühen christlichen Gemeinden und von deren Glauben. Aber wir haben eine solche nicht. ... Wie es aussieht, müssen wir daher mit der plausiblen Möglichkeit rechnen, dass Jesus nicht existiert hat. "
Wer dennoch die Frage als entschieden behauptet, will aus apologetischen Gründen ein unhinterfragbares Diktum setzen....
Ein ebensolches Diktum sind die angeblich sieben "echten" Paulusbriefe. Diese sind Prämisse und nicht Conclusio. Hier soll eine "echte" Fälschung mit der anderen "echten" Fälschung bewiesen werden. ( vgl. Darrel J. Daughty: Paulinische Paradigmen und die Echtheit der Paulusbrief, JHC 1/1994, aus d. Amerik. übers. v. Hermann Detering, Berlin 2001).
Hermann Detering, dessen Name im deutschsprachigen Raum inzwischen zum Synonym für die Radikalkritik geworden ist, und Franz Joris Fabri herzlichen Dank für die die erste deutsche Ausgabe und Übersetzung von vier der prägnantesten Aufsätze aus dem umfangreichen Werk Eysingas, das nicht nur unter wissenschaftshistorischem Gesichtspunkt eine Pretiosität darstellt, sondern auch eine einzigartige Fundgrube für Forscher bleibt, die ganz im Sinne Schweitzers (s.o.) weiterhin fragen und sich vor allem nicht mit Halbwahrheiten zufrieden geben.Lesen Sie weiter... ›
Meine Bewertung und meine Rezension beziehen sich nur auf die Schrift "Lebt Jesus oder hat er nur gelebt?", die etwa die Hälfte des Buches ausmacht. Außerdem sind noch vier Studien des Autors enthalten: ein Vergleich zwischen Herakles und Christus (sehr gut!) und drei Aufsätze über Mythos, Logos und die Kirche.
In "Lebt Jesus oder hat er nur gelebt" behauptet Eysinga kurz zusammengefaßt folgendes: Die frühen Christen hätten Jesus erfunden, um ihrem Glauben eine historische Unterlage zu geben. Mit anderen Worten: Eine Idee im Kopf wurde dadurch zu beweisen versucht, daß man etwas zusammendichtete und behauptete, es sei wahr bzw. tatsächlich passiert.
Eysinga versucht seine Idee vom erfundenen Jesus zu beweisen, indem er die Spekulationen der Gnostiker ernster nimmt als die Biographien der Evangelisten, indem er es für unmöglich hält, daß ein wirklicher Mensch Wunder und Heilungen vollbringen könne, indem er die Paulusbriefe allesamt für unecht hält, indem er aus der angeblichen Nichthistorizität des Herakles auf die Nichthistorizität von Jesus schließt - kurz, indem er all das tut, was er als unwissenschaftlich verwirft, nämlich, einem Glauben zu frönen. Nur, daß sein Glaube besser als "Unglaube" bezeichnet werden muß.
Ein konkretes Beispiel: Zuerst war laut Eysinga der Glaube an die Trinität da, dann seien Jesus, Gott und der Heilige Geist dazuerfunden worden. Eysinga stellt also die Wahrheit auf den Kopf: Tatsächlich versuchten die frühen Christen die Beziehung eines spirituellen Menschen zur Gottheit zu verstehen.
Eysinga ignoriert bzw.... dementiert gerade die Stellen in den Evangelien, die seine These vom erfundenen Gottessohn in Frage stellen: wie Jesus sich mit seinen Jüngern herumärgert, wie er immer wieder fliehen muß, wie er sich in der Einsamkeit erholt, wie er Amok läuft (Tempelreinigung), wie er Angst hat, daß seine Angehörigen ihn für verrückt halten - das alles hat doch ein erfundener Gottessohn nicht nötig bzw. ist seinem Ruf abträglich! Eysinga dagegen: Jesus wurde absichtlich menschlicher erfunden als die Mysteriengottheiten. Anderes interpretiert er allegorisch weg: Das seien keine Schilderungen historischer Ereignisse, sondern Gleichnisse, wie Jesus sie erzählte, der allerdings ebenfalls erfunden ist.
Die Beweislast kehrt Eysinga übrigens um: Nicht er, sondern die Befürworter der Historizität Jesu müßten sie tragen.Lesen Sie weiter... ›