An wenig anderen Büchern wurde mir die Entwicklung der Leseerwartungen und Leseansprüche so bewußt wie an diesem. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts läßt uns nicht mehr unbefangen von einer unschuldigen Idylle, einem uneingeschränkt lebensbejahenden, selbstgenügsamen Menschen wie Leberecht Hühnchen als anspruchsvolle, die Zeit überdauernde Literatur lesen. Wir erwarten den gebrochenen, sich an der realen Welt reibenden Menschen. Insofern erscheint Heinrich Seidels Buch als flach. Gleichwohl entwickelt es eine gewisse Faszination, denn es erscheint als Sonde in das Denken und Empfinden der Gründerzeit. Der große Erfolg des Buchs zu seiner Zeit zeigt, daß es einem Bedürfnis, einer Sehnsucht entgegengekommen sein muß. So wird dem wachsenden Stadtmoloch Berlin, der den Hintergrund der Geschichten um Leberecht Hühnchen bildet, die Hoffnung auf eine Art Landleben in der Stadt entgegengestellt, auch wenn die Bodenspekulation Leberechts erstes Häuschen in Steglitz verschlingt. Für jemanden, der wie ich in Berlin, in Steglitz, gelebt hat, sind dies interessante Hinweise auf die Entwicklung der heute bestehenden Stadt. Gleichwohl ist das zu wenig. Irgendwann läuft auch die Mindesthaltbarkeitsdauer eines Buchs ab.