Stavemann stellt den aktuell tatsächlich vermissen lassenden Bezug der Psychologie zur Philosophie her. Bei metaphysischen Themen, wie dem 'Sinn des Lebens' vermag die modern empirisch-naturwissenschaftlich geprägte Psychologie keine Antworten zu geben.
Der Verfasser holt mit Alfred Adler einen, heutzutage in der universitären Wissenschaft vernachlässigten Autoren und Ideengeber in die Diskussion, der sich schon vor 70 Jahren in seinem Buch mit dem Sinn des Lebens auseinander setzte und versuchte diesen v.a. evolutionär abzuleiten, wie es später noch weit differenzierter Klaus Holzkamp (1983) tat.
Doch gerade und vor allem aus empirischer Perspektive kann die Psychologie zum nämlich nicht ausschließlich metaphysischen Thema 'Lebensziele' einen Beitrag leisten, sie kann durchaus eine Orientierung geben, ob ein Lebensziel 'gut oder schlecht' sein könnte (S.31). In den letzten Jahren rückte der Zusammenhang von Lebenszielen und Subjektivem Wohlbefinden und dessen Relevanz als pathogener Faktor in den Vordergrund. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die den Inhalt und die Eigenschaften verschiedener Lebensziele beleuchten und interessante Aspekte mit salutogenetischem Bezug herausarbeiten (Passung impliziter und expliziter Motivstrukturen; intrinsisch vs. extrinsisch motivierte Ziele; Annäherungs- vs. Vermeidungsziele; Diskrepanzen zwischen Wichtigkeit, Realisierbarkeit und Erfolg etc.).
Einige dieser Erkenntnisse hätten in diesem Buch mit philosophischer Rahmensetzung durchaus fruchtbar diskutiert werden können. Gerade die (Mit-) Abhängigkeit des Glückes von der Kongruenz impliziter und expliziter Motive (Lebensziele) hätte hier mit Bezugnahme auf die Psychoanalyse abseits vom universitären Mainstream näher beleuchtet werden können.
Angesichts dieser stabilen Befunde gibt es Autoren, darunter so namhafte wie Klaus Grawe (1998), die sich dafür aussprechen, den 'non-direktiven' therapeutischen Relativismus aufzuweichen und in der Reflektion mit den Patienten den aktuellen Wissensstand durchaus mit einzubringen, um die Patienten nicht ins 'offene Messer' laufen zu lassen.
Ohne theoretische Fundierung keine theoriegeleitete Intervention und damit leider auch Verzicht auf wichtiges psychotherapeutisches Potential. Selbst Arbeiten, die die Implementierung solcher Befunde im Rahmen von Interventionen untersuchten, erreichten höchstens moderate Effekte. Von einer Evaluation und Bewährung des eigenen Programms verliert der Autor kein Wort.
Die Vorschläge Stavemanns zur Diagnostik und Erarbeitung individueller Lebensziele halte ich für fruchtbar und praxistauglich. Mir fehlen jedoch Hinweise auf andere, sonst in diesem Bereich übliche Verfahren zur Erfassung (Fragebögen, Interviews, gemischt nomothetisch-idiographische Verfahren).
Für den Alltagstransfer der Interventionen hätte ich mir mehr Tipps gewünscht. Die Falldarstellungen im 2. Teil des Buches brechen spätestens kurz vor der ersten Erstellung eines Wochenplanes ab.Und auch bei sehr kritischen Themen, wie dem Verzicht auf Lebensziele, der ja nicht ohne weiters gelingt (Kenntnisstand 1977 [Klinger]), fehlen Hinweise auf zu erwartende Probleme (Trauer, Depressivität u.ä.), sowie auf konkrete therapeutische Strategien im Umgang mit diesen.
Speziell Kapitel 4 'Lebensziele: Den Soll-Zustand erarbeiten' hat neben dem kybernetischen Titel in diesem Zusammenhang teilweise sehr unangenehme Züge eines Programmier-Algorithmus à la: wenn Patient das nicht einsieht, dann keine Veränderungsmotivation, dann Therapie-Ende (Exit).
Das Buch stellt den sonst außen vor gelassenen philosophischen Bezug her und enthält praxistaugliche Elemente. Die psychologisch-theoretische Fundierung ist mangelhaft und die konkrete Umsetzung wird oft den Therapeuten überlassen. Ich erinnere nicht gern daran, aber in Zeiten des Effizienz-Diktats in der Gesundheitsversorgung sollte eine Angabe über die zu veranschlagende Dauer der Intervention nicht fehlen.
Ohne die Relevanz dieses wichtigen Themas schmälern zu wollen, scheint Staveman hier jedoch den Blick dafür zu verlieren, dass das menschliche Leben mehr ist, als ein ausschließliches Streben nach Lebenszielen. Den auf S. 89 von einem widerspenstigen Patienten antizipierten Ausspruch: 'Ich will mich nicht in so einen Plan pressen lassen, da geht ja jede Spontaneität flöten!' lässt ihn diesen als 'Vermeidungskünstler', 'Frustrationsphobiker' oder 'Kurzfristhedonisten' bezeichnen. Dieses Lebensziel- Joch in seiner Absolutheit wirkt abschreckend. Eine Relativierung beispielsweise mit Bezug auf achtsamkeitsbasierte Ansätze hätte der Grundaussage des Buches gut getan.