Zu DDR-Zeiten war ich stolz als BRD-Bürger alle 7 Amiga-Schallplatten der SCM zu besitzen, war sie doch wegen ihrer Vielseitigkeit, der musikalischen Originalität, der Andersartigkeit ihrer deutschen Texte und der hellen und strahlenden Stimme Reinhard Fisslers zu meiner gesamtdeutschen Lieblingsband geworden.
Jahrzehnte später erscheint nun das erste wirklich neue Album "Lebensuhr". Der Titel erinnert stark an "Stundenschlag", das line up - aus alten Mitspielern und jungen neuen Musikern zusammengesetzt - ist vielversprechend. Doch die Erwartungen schrumpfen bereits beim ersten Titel auf ein Minimum zusammen, wo man sich wie bei den meisten der nachfolgenden Songs allzu stark an den simplen Mitgrölrefrains westdeutscher Stadionrocker wie Pur oder Westernhagen orientiert zu haben scheint. Auch der berechtigte Versuch die Sounds alter analoger Keyboards mit den Möglichkeiten moderner Klanggestaltung zu vereinen scheitert leider am mangelnden Feingefühl bei der Umsetzung. Die Texte sind zwar durchweg ambitioniert bzw. bemüht etwas von Bedeutung auszusagen - mal sind sie zeitkritisch ("Zeugen dieser Zeit", "Prima Klima"), mal geschichtsbezogen ("Zeder von Jerusalem"), dann auch mal poetisch "Waldesstille", "Ewigkeit") - wirken jedoch (vor allem die von Norbert Kaiser) bei aller gewollten Umgangssprachlichkeit in Ausdruck und Sprachgefühl kläglich inkompetent und bleiben in ihrer Aussage oft unklar. Unbeholfene Sprachkonstrukte wie "du lebst laut und liebst die Nacht, nur das liegt dir im Blut, hälst die Welt in deiner Hand, verlieben ist nicht gut" lassen einem an allen Ecken und Enden die Haare zu Berge stehen und einen Kurt Demmler oder Werner Karma schmerzlich vermissen. Und wie ist Larry B. als neuer Sänger? Er kann singen, vermag aber dem flachen Gesamteindruck nicht entgegenzuwirken. Hätte man sich beim einzigen Instrumentaltitel TNTK auf part 1 beschränkt, wäre der wenigstens ganz passabel geworden. Wenn aber nach 3 min plötzlich ein dröhnendes Keyboard + Drum-Gewitter losbricht, um sich dann fortschreitend zu einem undefinierbaren, scheppernden Klangkompott zu verdichten, ist das Grauen perfekt.
Doch ganz so einseitig negativ kann ich das Album auch nicht sehen: über ca. 1/3 der Spielzeit (immerhin 25 min) kann die Band ihre eigentlichen Qualitäten ausspielen und z.B. mit überraschenden Akkordwendungen und schönen Mini-Moog-Soli ("es geht die Zeit") bezaubern oder überzeugend die schwermütige Schönheit irischer Volkslieder mit den eigenen Ideen verbinden ("Reiter der Nacht") oder auch einfach mal eine tolle Gesangsmelodie hervorbringen ("Ewigkeit"), die dann geschickt vom Saxofon variiert wird. Und, was wirklich Lob verdient, Reinhard Fissler wird die Gelegenheit gegeben, einen persönlichen Nachruf auf sein Schaffen bei der Stern Combo und in einem eine Beschreibung seines aktuellen Befindens im Angesicht seiner schweren Erkrankung zu verfassen und auf diesem Album unterzubringen.
Bleibt insgesamt zu hoffen, dass alte (vorhandene!) Qualitäten sich auf etwaigen kommenden Werken der Combo wieder stärker entfalten dürfen und nicht vollends im Kommerzstreben versinken.