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Homo symbioticus
Auf dem Weg zu einer dritten Wissenschaftskultur?
Die Naturwissenschaften scheinen «philosophisch» zu werden. Eine dritte, synthetische Kultur zwischen Geistes- und Naturwissenschaft sich bewegend nimmt Gestalt an. In der Fachphilosophie stossen die bisweilen abstrus anmutenden Thesen einer zur Weltwissenschaft sich wandelnden Naturwissenschaft bisher auf wenig Resonanz.
Zuzugeben, in der höheren Mathematik nur mit Abschreiben durchgekommen zu sein, verlangt wenig Mut. Das Bekenntnis, Homer, Rembrandt und Wittgenstein seien einem fremd, ist riskanter. Kultur ist für uns mit Kunst, Literatur und Philosophie verknüpft. Wir bewerten die Weltsprachen, die Notation der Musik, die Zeichen der Malerei und die Begriffssysteme der Philosophie grundsätzlich anders als den mathematischen Symbolismus, der zwar Instrument einer weltumspannenden Wissenschaftskultur geworden ist, doch höchstens eine zweite Kultur, nach der ersten etabliert.
Diese Rangordnung geht auf die affektive wechselseitige Abstossung der zwei Kulturen zurück, die C. P. Snow einst beschrieben hat: Auf der einen Seite der kritische Intellektuelle, der die menschlichen Angelegenheiten mit pessimistischer Einstellung gegenüber wissenschaftlichen und technischen Innovationen betrachtet. Trotz seiner geringen mathematischen Kompetenz kann er die Kulturen durchzählen und der eigenen die Nummer 1 reservieren. Auf der anderen Seite stehen der Fachmann der positiven Wissenschaften und der optimistische Ingenieur. Schon Snow bemerkt, dass die Macht, die menschlichen Verhältnisse zu verändern, längst von denen, die sich am meisten für sie zuständig fühlen, den kritischen Intellektuellen, zu den anderen übergewandert ist, die mit der Kultur im (vermeintlich) erstrangigen Sinne gar nichts zu tun haben, den Fachleuten in Wissenschaft und Technik.
«Populärwissenschaft?»
Zwar machte schon Platon die Kompetenz in Mathematik zur Bedingung des Denkens, doch erst die ungeheure Vervielfältigung mathematischer Theorien seit dem 19. Jahrhundert und ihre fruchtbare Anwendung in immer mehr Wissensgebieten belegen auf besonders anschauliche Weise, dass eine Degradierung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkens ins «zweite Glied» der Kultur unangemessen ist. Betrachtet man Denken im Anschluss an Philosophen wie Cassirer und Goodman als Symboltransformation und nicht als das Hüten des Seins im (engen) Haus der (indogermanischen) Sprache, dann kann man mathematisch ebenso denken wie auf altgriechisch oder deutsch.
Die Verdeutlichung der Relevanz des mathematischen Denkens geschieht allerdings nach wie vor in Texten der sogenannten natürlichen Sprache. Längst stellen die Meister der Formeln ihre schwierigen Symboltransformationen auch in der Umgangssprache dar. Daraus ist eine dritte Kultur entstanden; eine eigene Literatur. Es wäre verfehlt, die Erzeugnisse von Gell-Mann, Penrose und Hawking einfach als «Populärwissenschaft» zu kennzeichnen. Es geht nicht nur um volkstümliche Sensationsberichte aus dem Labor, die auch diejenigen für die Wissenschaft begeistern sollen, die der Mathematik nicht mächtig sind, jedoch mit ihren Steuergeldern das kostspielige Treiben in den Forschungsinstitutionen zu finanzieren haben. Tatsächlich findet hier die Begegnung wissenschaftlicher (nicht nur mathematischer) und natürlicher Symbolsysteme statt. Dabei bleibt die natürliche Sprache allerdings durchweg unter dem Differenzierungsniveau des mathematischen Symbolismus wie auch der Terminologien aus der philosophischen Tradition.
Dass Bücher der dritten Kultur inzwischen manchmal Bestsellerlisten vor Krimis und Liebesromanen anführen (wie Gell-Manns «Das Quark und der Jaguar»), liegt nicht allein daran, dass Naturwissenschafter ihre Erkenntnisse heute eloquent darstellen, sondern dass in der Öffentlichkeit das Bewusstsein der Relevanz, die wissenschaftliche Erkenntnisse «für uns» besitzen, sich ausgeprägt hat. Eine Leitfunktion haben hier vor allem die Evolutionstheorien und Computerwissenschaften übernommen.
Theorien der Evolution handeln nicht mehr allein von der Entwicklung der Lebewesen, sondern von der des Kosmos und der Gesellschaft wie auch dem Wetter und den Schwankungen der Kurse an den Weltbörsen. Chaostheorie und Synergetik verbinden diese Gegenstandsbereiche mit eigenen mathematischen Mitteln. Hinzu kommt die Anwendung der «neuen Empirie» der Computersimulation, die weder mit dem klassischen Experiment noch der Beobachtung eines Feldforschers in einen Topf gehört, sondern eine selbständige Form wissenschaftlicher Erfahrung darstellt. Die Philosophie zeigte sich bisher weder in der Lage, den begrifflichen Kern dieser Entwicklungstheorien herauszupräparieren, noch trotz Baudrillard die neue Form der Empirie in der Simulation erkenntnistheoretisch zu reflektieren. Ihre symbolischen Transformationen haben sich nicht parallel zu diesen Wissenschaften entwickelt, sondern in philologischen und formalistischen Reservaten, wo man nur seinesgleichen trifft.
Wilde Spekulation?
Es ist deshalb kein Zufall, dass in einer jüngst von John Brockman herausgegeben Sammlung mit dem Titel «Die dritte Kultur» nur ein einziger Philosoph vertreten ist: der Amerikaner Daniel Dennett, das Lieblingskind der cognitive science, die die menschlichen Geistesfähigkeiten mit Hilfe eines Computers erforscht.
Viele «Thesen» dieser dritten Kultur wirken freilich wie wilde Spekulationen auf den externen Beobachter: etwa die Annahme, dass das Universum aus einer kleinen Masse, die in jedem Zimmer Platz finde, inflationär entstanden sei und dass vielleicht ständig neue Universen aus unserem «herauskeimen» eine Überlegung, die der MIT-Physiker Alan Guth anstellt. Nicht weniger abenteuerlich erscheint der Gedanke, die Vernetzung der Computer führe zur Entwicklung eines übermenschlichen Geistes, so wie die Verknüpfung der Einzeller einst Lebewesen ganz neuer Art hervorgebracht hat: Der Computerwissenschafter Daniel Hillis verpasst Schellings werdendem Gott einen Leib aus Silikon.
Noch weiter geht der französische Futurologe Joël de Rosnay, der in seinem Werk «Homo symbioticus» die im Internet kommunizierenden Menschen bereits als Bestandteile eines entstehenden «Kybionten», einer «höheren Instanz», sieht. Da wird die «Zukunftsforschung» zur Science-fiction. «Ganzheit» und «Vernetzung» sind ganz offenbar Schlüsselworte der dritten Kultur geworden. Das zeigt auch Fritjof Capras neues «Hauptwerk» (er schreibt nur «Hauptwerke») mit dem Titel «Lebensnetz». Es will ebenso wie Rosnays «Homo symbioticus» offenbar unsere Vertreibung aus der religiösen Geborgenheit des Abrahamitischen Schosses rückgängig machen durch das Angebot einer Mitgliedschaft in ökologischen, kybernetischen oder informationellen Ganzheiten.
Philosophisch sieht das alles wenig plausibel und begrifflich vage aus. Es bleibt unklar, wo hier noch methodisch geleitete Erfahrung und kontrollierte Terminologie am Werke sind und wo sich lediglich eine ursprünglich allein der Veranschaulichung dienende Analogie verselbständigt hat. Um darüber zu entscheiden, bedürfte es einer philosophischen Analyse der wissenschaftlichen Theorien, die diesen Spekulationen zugrunde liegen.
Wie immer man, als jemand, der von den Hunden der Skepsis und Kritik gehetzt worden ist, diese Gedanken am Ende auch bewerten wird, sie machen deutlich, dass die positiven Wissenschaften heute selbst philosophisch werden. Sie stellen die Frage «Was ist der Mensch?», die Kant zur philosophischen Grundfrage erklärt hat, mit immer grösserer Dringlichkeit. Doch merkwürdigerweise werden sie dabei von der europäischen Fachphilosophie weitgehend alleingelassen.
Michael Hampe -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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