Die meisten Menschen gehen im Alter von ca. 40 Jahren durch eine tiefgreifende Lebenskrise, egal, ob man an Gott glaubt oder nicht. Auch mich hat diese "Midlife-Crisis" erwischt und ich war froh, dass ich in diesem kleinen Büchlein von Anselm Grün eine Orientierung fand, die mir sehr geholfen hat, die Veränderungen in meinem Leben einzuordnen und sie in Gottes Licht zu sehen. Anselm Grün versteht die Krise der Lebensmitte nämlich nicht als ein tragisches Ereignis, durch das man mit Gottes Hilfe irgendwie hindurch kommt, sondern er schreibt: "Vom Glauben her gesehen ist in dieser Krise Gott selbst am Werk. Er bringt Bewegung in das menschliche Herz, um es für sich aufzubrechen und es von allen Selbsttäuschungen zu befreien." (9) So wie die Frau im Gleichnis vom verlorenen Groschen das ganze Haus auf den Kopf stellt, um die verlorene Münze zu finden (Lk 15,8), so ist es Gott selbst, der unser Lebenshaus auf den Kopf stellt, um das wieder ans Licht zu bringen, worum es im Leben wirklich geht. Es geht also als Christ darum, die Krise als ein Werk der Gnade Gottes zu sehen und gespannt darauf zu warten, was er einem dabei zu sagen hat.
Im Einzelnen führt Grün das dadurch aus, dass er die Gedanken von zwei Autoren vorstellt, die sich intensiv mit der Lebensmitte befasst haben. Zum einen ist das der Dominikanermönch Johannes Tauler (1300-1361). Tauler spricht davon, dass die meisten Menschen auf die Krise der Lebensmitte falsch reagieren. Zum einen indem sie davor fliehen. Dies kann sehr unterschiedlich aussehen: die einen kritisieren ständig an anderen herum, um nicht über sich selbst nachdenken zu müssen, die anderen fliehen in pausenlose Beschäftigung oder probieren ständig etwas Neues aus. Auf der anderen Seite gibt es die Menschen, die angesichts der Krise umso fester an altbewährten Prinzipien festhalten. Man "hält sich für einen frommen Christen, der anderen zeigen muss, wie man christlich leben sollte. Doch bei allem Eifer hat man bei solchen Menschen den Eindruck, dass sie nichts von der Liebe und Güte Christi ausstrahlen." (22)
Stattdessen fordert Tauler dazu auf, die Krise der Lebensmitte zuzulassen, um zu einer echten Selbst- und Gotteserkenntnis zu kommen. Man muss in der Midlife-Crisis nicht auf einmal alles anders machen als bisher, sondern kann sich gelassen für Gott öffnen. "Anstatt über unsere Krise zu jammern, würden wir dann Gott dafür danken, dass er an uns handelt, dass er unsere Starre aufbricht, für seinen Geist, der unser Herz immer mehr verwandeln möchte." (41) Das ist die geistliche Aufgabe, die sich den Menschen in der Lebensmitte stellt.
Diese These untermauert Anselm Grün dann im zweiten Buchteil mit einigen Ausführungen zu den Gedanken des Psychologen C.G. Jung (1875-1961). Für Jung hat die zweite Lebenshälfte die Aufgabe, die Dinge anzunehmen, die man in den ersten Jahrzehnten verdrängt hatte. Nun geht es nicht mehr um äußere Erfolge, sondern um inneren Tiefgang. "Was die Jugend außen fand und finden sollte, soll der Mensch des Nachmittags innen finden." (49)
Dazu gehört unter anderem, dass man der Versuchung widersteht, sich hinter einem Amt oder einem Titel zu verschanzen, den man in der ersten Lebenshälfte erworben hat. Stattdessen geht es darum, sein Herz zu öffnen, um ein ganzheitlicher Mensch zu werden. Ein wichtiger Aspekt dabei wäre dann auch, das eigene Sterben anzunehmen. Wenn man das Leben des Menschen mit einer Bergwanderung vergleicht, dann muss der Mensch der Lebensmitte sich entscheiden, vom Gipfel wieder ins Tal aufzubrechen, um wirklich nach Hause zu kommen.
Anselm Grün beendet das Buch mit einem Aufruf, im Augenblick zu leben, und Enttäuschungen als das anzunehmen, was sie ganz wörtlich sind: Befreiung von Täuschungen über uns selbst, damit die Wahrheit immer mehr zum Vorschein kommt. Damit schließt sich ein Kreis von theologischen und psychologischen Ausführungen, die sich gegenseitig verstärken und den Leser letztlich zur Hingabe an Gott führen sollen.
Die achtzehn Auflagen, die das Buch in den letzten dreißig Jahren erlebt hat, weisen darauf hin, dass Anselm Grün mit seinen kurzen Ausführungen einen Nerv getroffen hat, der anscheinend schon vielen Menschen in der Lebensmitte geholfen hat.