Das Buch macht mir postlektorale Probleme. Irgendwie kann ich plötzlich so manche quasireligiösen Riten rund um Gesundheit, Diät und Fitnesstempel einfach nicht mehr ernst nehmen. Hätte ich doch meinen Arzt oder Apotheker vor der Lektüre fragen sollen, wegen der Risiken und Nebenwirkungen.
Fangen wir von vorne an: Mit größtem Vergnügen habe ich das Buch gelesen, viel geschmunzelt und gelacht. Wunderbar deckt Lütz auf, worauf die Leute alles kommen, wenn sie ihre Gesundheit vergöttern - und damit ihre Ärzte zu Göttern in weiß erklären, ihre teure Ratgeberliteratur zu ihren Bibeln, ihre Fitness-Selbst-Quälereien zu modernen Buß-Gottesdiensten und auch sonst vor lauter Angst vor dem Verfall dafür sorgen, dass das Leben einfach keinen Spaß mehr macht.
Denn die Gesundheitsreligion macht einfach keinen Spaß, weil alles, was Spaß macht, unter dem Generalverdacht steht, ungesund zu sein. Fast erinnern die Gesundheitsapostel an William von Baskervilles Gegenspieler Jorge von Burgos aus Umberto Ecos
Der Name der Rose: Roman, der um des Himmelreiches willen einfach keine Lust und keinen Humor haben darf. Nur ist das Himmelreich heute säkularisiert.
Dass Lütz nebenbei das Hohelied auf die Religion singt, macht die Tiefendimension des Buches aus: Wer keinen Gott mehr hat, sucht sich anderswo etwas zum Verehren. Wer keine Hoffnung auf den Himmel mehr hat, der überhöht das Diesseits ins Himmlische. Auch manche Spitze gegen den Protestantismus lässt sich für mich humorvoll ertragen (ich bin evangelisch), schließlich ist irgendwie tatsächlich mit uns Evangelischen das Asketische und Ernste in die europäische und us-amerikanische Religionsgeschichte getreten. Nicht zufällig sagt man den Katholiken ein wenig mehr Lebenslust nach (Lütz nennt als Beispiel u.a. den Karneval in Brasilien, eine ziemlich ungesunde Veranstaltung) ...
Das Buch ist auch sonst nicht oberflächlich, als Mediziner weiß Lütz natürlich, wovon er schreibt. Da ist Sachverstand. Zum Beispiel: je länger man einen offensichtlich gesunden Menschen untersucht, desto kränker wird er, weil keiner jemals ganz gesund ist. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen.
Wenn nur dieses postlektorale Trauma nicht wäre:
Wenn ich im Krankenhaus wieder mal eine Chefvisite sehe, erstarre ich nicht mehr in religiöser Ehrfurcht vor der weißen Priesterschaft des allgegenwärtigen Gesundheitsgottes, sondern ich muss mich hüten, nicht allzu sichtbar oder vernehmlich zu lachen ...