Vorwort
Älterwerden ist eine Aufgabe, auf die man nicht vorbereitet wird. Sie kommt in unserer Gesell-schaft als innere Erfahrung kaum zur Sprache. Es fehlt - von Alarm-Statistiken abgesehen - an der Auseinandersetzung mit dem Alter, an älteren Vorbildern ebenso wie an Möglichkeiten, sich an ihnen zu orientieren.
Zwar hat es in der Geschichte Phasen gegeben, in denen die Alten das Sagen hatten. Die Regel wa-ren sie jedoch nicht: unsere Zeit ist da keine Ausnahme. Neu ist allenfalls der Kultstatus, den die Jugend heute hat. Aber das wird sich ändern. Wir alle wissen: Die Lebenserwartung wächst drama-tisch. Es wird immer mehr ältere und schließlich erstmals mehr ältere als jüngere Menschen geben - eine Veränderung, die eine neue Perspektive auf das Alter schafft. Schon weil dies im Interesse der künftigen Mehrheit der Bevölkerung liegt. Und weil alle, die an einer besseren Perspektive arbeiten, davon profitieren werden: spätestens dann, wenn sie selber älter oder alt sind.
Allerdings: Wie gewinnt man neue Perspektiven für eine Lebensphase, die zwar soziologisch disku-tiert, in der persönlichen Wahrnehmung und Begegnung jedoch vorzugsweise vermieden, ja ver-drängt wird? Und wie bereitet man sich darauf vor? Wie ist es, wenn man älter wird? Was verändert sich? Was bleibt wichtig, was wird weniger wichtig? Und was erfährt und lernt man im Laufe sei-nes Lebens?
Ich wollte die Erfahrung des Älterwerdens erkunden. Bei der Auswahl meiner Gesprächspartner habe ich mich auf Personen über Sechzig konzentriert. Im Gespräch mit ihnen auf die Erfahrung, die sie am meisten im Leben geprägt hat. Und im übrigen auf außergewöhnliche Zeitgenossen: weil ich selber neugierig auf sie war und meinerseits Neugier wecken will - in der Hoffnung, auf diese Weise besser an mein Thema heranführen zu können. Es waren Gespräche, wie man sie gerne mit seinen Eltern oder Großeltern geführt hätte, wenn man rechtzeitig daran gedacht hätte.
»Älterwerden ist ein Spiel, das man nicht gewinnen kann«, sagte mir der 83jährige amerikanische Schriftsteller Norman Mailer. Es wäre wohl auch das falsche Ziel. Dennoch kann man dafür sorgen, daß man lange und in guter Verfassung am Ball bleibt. Und daß einen die anderen im Team akzep-tieren. Mailers Rat: »Kein Selbstmitleid!« Natürlich gibt es Menschen, bei denen das Älterwerden von Krisen begleitet wird: weil sie, wie zum Beispiel Supermodel und Filmschauspielerin Lauren Hutton, heute 63, zwischen Ende Dreißig und Mitte Vierzig Angst vor dem Schwinden ihrer Schönheit haben - um so verständlicher, wenn diese zu ihren beruflichen Qualifikationen gehört. Lauren Hutton hat die Krise überwunden und mit 47 erfolgreich eine zweite Model-Karriere begon-nen. Was zeigt, daß Schönheit durchaus nicht identisch mit Jugend sein muß. Das gilt auch die für 72jährige Schimpansenforscherin Jane Goodall. Oder den 85jährigen Mode-Designer Ottavio Mis-soni - einer der bestaussehenden und im wahren Wortsinn leichtlebigsten Männer, die mir je be-gegnet sind: Seine Ausstrahlung beruht auf der Lässigkeit, mit der er sein Leben gelebt hat.
Natürlich hat es im Leben meiner Gesprächspartner mindestens soviel Anstrengung wie Leichtig-keit, soviel Enttäuschung wie Heiterkeit gegeben. Und Schicksalsschläge, die zu verwinden waren, wie von der früheren Kaiserin des Iran, die mit 41 Jahren nicht nur ihren Status, ihr Land und ihren Mann, sondern 20 Jahre später auch noch eine Tochter verlor - und die dennoch ihre Hoffnung und ihre Haltung bewahrt hat. Eine Haltung, die es in aller Selbstverständlichkeit zuläßt, mit mir nach dem Interview so lange nach meinen Unterlagen zu suchen - die unauffindbar in die Sofakissen gerutscht sind -, bis wir beide auf den Knien vor dem Sofa liegen. (Kein Stäubchen darunter, aber auch kein Dossier ...)
So gut wie allen gemeinsam ist die Erfahrung, daß Älterwerden durchaus nicht nur Nachteile hat. Im Gegenteil: Es geht vielmehr fast immer mit einem Nachlassen von Ängsten, Spannungen und Unsicherheiten, von Wut, Neid und Abhängigkeiten und mit dem Gewinn von Gelassenheit, zuwei-len sogar Glück, ja Freiheit einher. Mit 77 plant der amerikanische Architekt Frank Gehry sein er-stes richtiges, eigenes Haus, weil er es sich vorher nicht leisten konnte. Der Schlagersänger Pat Boone findet, daß er nie eine größere Freiheit hatte, zu tun und zu lassen, was er will. Und der Film-regisseur Claude Chabrol war noch nie so glücklich wie heute, überzeugt, daß man sein eigenes Glück herstellen kann - »mit ausnahmslos menschlichen Mitteln«.
Alt zu sein ist so wenig ein Verdienst wie jung zu sein. Dennoch profitiert die Jugend von der Hoff-nung, die in sie gesetzt wird, also von der Phantasie. Es wäre an der Zeit, eine Balance zwischen Phantasie und Erfahrung zu suchen.
München, im Sommer 2006 Marie-Luise von der Leyen
Norman Mailer
über Wut und Liebe Norman Mailer, 83, amerikanischer Schriftsteller, gilt als literarische Legende zu Lebzeiten, seit er als 25jähriger Weltruhm erlangte: Sein Roman »Die Nackten und die Toten«, der die »schmutzige Seite des Krieges« aufzeichnet, wie Mailer sie erfahren hat, traf den Nerv der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war der Sohn jüdischer Eltern in New Jersey, besuchte die Elite-Universität Harvard und studierte Ingenieurwesen mit Schwerpunkt Luftfahrt-technik, ehe er als US-Soldat den Krieg im Pazifik erlebte. Angewendet hat er sein Studium nie: Der schriftstellerische Ruhm kam ihm zuvor. Er hat ihn, wie er einmal schrieb, in eine Identitätskri-se gestürzt - »Ich fühlte mich nicht wie Norman Mailer, sondern wie der Sekretär von Norman Mailer«. Doch gab ihm der Ruhm auch die Möglichkeit, sich und die verschiedensten Facetten des Lebens auszuprobieren: als äußerst produktiver Schriftsteller, der zweimal mit dem Pulitzer-Preis und einmal mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, als Schauspieler, Drehbuchautor, Filmregisseur und Journalist. Als leidenschaftlich politisch engagierter Bürger, der sich als »linker Konservativer« bezeichnet und 1969 sogar für den Posten des Bürgermeisters von New York kan-didierte. Als provozierender Zeitgenosse und zeitgenössischer Provokateur. Und als Objekt der Skandalpresse, die mit seinen Frauengeschichten, Drogen- und Alkoholexzessen jahrelang ihre Spalten füllte. Zuletzt hat Norman Mailer unter dem Titel »Heiliger Krieg, Amerikas Kreuzzug« ein politisches Pamphlet - gegen den Rechtskonservatismus und die Regierung von George W. Bush, die Machtkonzentration in den Konzernen und die Plastifizierung der Welt - veröffentlicht. Er lebt, in sechster Ehe verheiratet und Vater von neun Kindern, in Provincetown, Massachusetts.
Wild war er und streitlustig, geprügelt hat er sich mehr als ein dutzendmal in seinem Leben. Die letzte Prügelei ist lange her: »Wer prügelt sich schon mit einem alten Mann?« Alter schützt vor Torheit - oder?
»Wie soll ich Sie nennen?« fragt er zur Begrüßung. Gegenfrage: »Und ich Sie?« Lächeln: »Wie wär's mit Norman?«
Wir treffen uns in der Wohnung einer seiner Freunde in New York, Panorama- Blick in den Central Park und den Spätsommerhimmel über der Stadt. Norman Mailer weicht der pittoresken Perspekti-ve aus, wechselt von seinem Sessel mit Aussicht in einen anderen, weil seine Augen die Helligkeit nicht vertragen. Es fällt ihm schwer aufzustehen, es fällt ihm auch schwer zu gehen, er stützt sich auf zwei Stöcke. Um so schneller denkt und redet er. Und die hellblauen Augen, deren Blicken zahllose Frauen erlegen sind, blitzen noch immer äußerst lebendig.
Wut hat in meinem Leben eine große Rolle gespielt. In unserer Zeit, in der es ein so großes Spek-trum an Möglichkeiten auf der einen Seite und so viele Frustrationen auf der anderen Seite gibt, ist es fast unmöglich, nicht wütend zu sein. Das gilt für die meisten Leute. Was mich betrifft, so war ich mein ganzes Leben lang von Wut getrieben. Aber auch von anderen Dingen. Vom Wunsch, gute Arbeit zu machen. Und von der Sehnsucht nach...