Mit dem dritten Band der Will-Eisner-Bibliothek legt Carlsen meiner Meinung nach deren Höhepunkt und krönenden Abschluss vor. Vier Graphic Novels aus der späten Schaffensphase Will Eisners der Jahre 1985 - 2001 werden zusammengefasst und in gewohnt hochwertiger Form präsentiert sowie editorisch einfühlsam für den Leser eingeordnet.
Eisner küpft hier an die bereits in "Ein Vertrag mit Gott" angedeuteten autiobiografischen Züge seines Schaffens an und führt sie zu einem beeindruckenden Ende, in dem sich "großer" gesellschaftlicher Rahmen und "kleine" persönliche Geschichte zu einem bemerkenswerten Gesamtbild des amerikanischen 20. Jahrhunderts verdichten, wie es im Comic aber auch darüber hinaus nur selten gelungen ist. Er ist mit seinem Spätwerk zum "großen amerikanischen Erzähler" mit den ureigenen Mitteln der Graphic Novel geworden.
Alles beginnt mit "Sonnenuntergang in Sunshine City" noch mit bittersüßer Ironie. Ein alter Mann zieht im Ruhestand ans Meer, während seine Töchter versuchen, in ihren Ehen Glück zu finden. "Der Träumer" ist dann Comic-Geschichtsschreibung par excellenc, wenn Eisner hier am Beispiel seiner eigenen Berufsbiografie der 1930er und 40er Jahre ein Stück Zeitgeschichte der Gattung mit einiger ihrer tragenden Akteure lebendig werden lässt. "Zum Herzen des Sturms" verknüpft meisterhaft und hochatmosphärisch die Reise eines frisch einberufenen US-Soldaten zum Marinestützpunkt mit Erinnerungsflashbacks in die Familiengeschichte seiner Eltern und seiner eigenen Jugendjahre. Sehr feinfühlig und dabei mit großer Bitterkeit lässt Eisner hier die Anfeindungen, denen sich seine jüdische Familie sowohl in der alten wie neuen Welt ausgesetzt sah, aufscheinen. Ein berührendes Stück über Antisemitismus im speziellen und Stereotype im allgemeinen. Zum Finale gibt es mit "So läuft das Spiel" den großen, jüdisch-US-amerikanischen Entwicklungs- und Familienroman. "Die Buddenbrooks" als Graphic Novel. Aber ohne Mannsche Schachtelsätze. Ein Erlebnis!
Die ungeheure Reife dieser Arbeiten des alten Mannes macht ehrfürchtig. Die geschilderten Lebensläufe stimmen nachdenklich. Eisners hierbei stets formuliertes Plädoyer für Menschlichkeit und den Versuch, diese mit der Hoffnung und dem Streben nach dem persönlichen Glück zu vereinbaren sind hochmoralisch, verzichten dabei aber auf den erhobenen Zeigefinger. Einmal mehr bleibt dem Rezensenten nur das Fazit: dieses Buch ist ein Muss. Sie werden es nicht wieder hergeben. Seine Lektüre wird sie bleibend bereichern. Es wird in Ihrem Regal einen Ehrenplatz einnehmen.
Der ihm auch gebührt.