Nomadismus als Wirtschafts- und Kulturphänomen ist weltweit auf dem Rückzug, wenn nicht gar im Verschwin-den begriffen. Er erfreut sich inzwischen mehr romanti-scher Vorstellungen als wissenschaftlicher Bearbeitung. Überaus erfreulich ist daher die Abhandlung von Angela Manderscheid über Nomaden in Osttibet. Wie vielerorts haben die tibetischen Nomaden gerade nach Gründung der sozialistischen Volksrepublik China tief greifende Um-wälzungen erlebt. Eines der wenigen Beispiele wissen-schaftlicher Aufarbeitung solcher Transformationsprozes-se unter tibetischen Nomaden sind die Arbeiten von M. Goldstein und C. Beall in Westtibet. Nun legte A. Mander-scheid nach mehrmaligen Forschungsaufenthalten zwi-schen 1989 und 1992 in der osttibetischen Präfektur Nga-wa (Aba), insbesondere dem bis heute schwer zugängli-chen Kreis Dzamthang, eine überaus interessante sozial-geographische Arbeit vor. Ausgehend von einem Überblick über den Forschungs-stand und einer ausführlichen Betrachtung des Untersu-chungsgebietes setzt die Autorin die traditionelle Wirt-schaftsweise vor 1949 zu den mehrfachen Veränderungen seit der Einflussnahme Pekings zueinander in Beziehung. Die nötige Differenzierung in den Tierhaltungssystemen wird dabei ebenso geleistet wie die sukzessive Analyse der Folgen von Kollektivierung und zentralistischer Ver-waltung während des „Großen Sprungs" und der Kulturre-volution, der Rückgabe der Herden in Familienbesitz zu Beginn der 80er Jahre und neuerdings auch der stärkeren Marktorientierung. Interessant ist in dieser Hinsicht der Versuch einer Modernisierung der mobilen Tierhaltung, die den Nomaden eine wirtschaftliche Perspektive entwickeln soll. Probleme der Überweidung, Winterfütterung etc. kommen gleichfalls zur Sprache. Manderscheids pessimistisch anmutendes Fazit, dass die bewährten Formen des nomadischen Wirtschaftens langfristig verschwinden werden, ist weniger allein mit Blick uf die innerchinesische Politik als vielmehr im Kon-text der Globalisierung verständlich - ist doch, wie die Autorin schon zu Beginn ihrer Abhandlung feststellte, die nomadische Lebens- und Wirtschaftsweise in vielen Re-gionen der Welt im Niedergang. Allerdings macht Mander-scheid deutlich, dass gerade auch durch die Veränderun-gen in der „staatlichen Agrarpolitik, die nomadische Tier-haltung in China unter der Leitidee einer marktorientierten Produktion zu verändern" (S.XI) sich für die nomadische Produktionsweise in Dzamthang überhaupt erst die mittel-fristige Überlebenschance bietet. Die Autorin glaubt daher, „dass die nomadische Lebens- und Wirtschaftsweise auf dem tibetischen Hochplateau zunächst nicht, wie in ande-ren Regionen der Welt, völlig verdrängt wird." (S.191) A. Gruschke