Kurzbeschreibung
Auf dem neuesten Stand der Forschung gibt das vorliegende Buch einen bislang einmaligen und umfangreichen Überblick über »lebende Fossilien« im gesamten Tier- und Pflanzenreich. Es ist unterhaltsam und in allgemein verständlicher Form geschrieben und wendet sich damit an ein breites, naturkundlich interessiertes Publikum.
Über den Autor
Auszug aus Lebende Fossilien von Erich Thenius. Copyright © 2000. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Nun, bei diesem »Urzeitfisch« handelt es sich um ein »lebendes Fossil«, das seit Millionen von Jahren weitgehend unverändert bis zur Gegenwart an einem Reliktstandort überlebte, während seine einst weltweit verbreiteten Verwandten längst ausgestorben sind.
Dem Thema »lebende Fossilien« war übrigens auch eine Sonderschau im Rahmen der 35. Mineralientage in München im Herbst 1998 gewidmet. Ein Thema, das zugleich auch in Verbindung mit den bekanntesten fossilen Tieren, wie etwa Dinosauriern und dem Mammut, in den Medien immer wieder aufgegriffen wird: Sind die Dinosaurier am Ende der Kreidezeit tatsächlich gänzlich ausgestorben und was war die Ursache dafür oder gibt es heute noch Überlebende in Form »lebender Fossilien«? Auf die vermutlichen Ursachen des Aussterbens sei im Kapitel 17 zurückgekommen. Das Mammut, ein eiszeitlicher Elefant, von dem erst kürzlich durch den französischen Polarforscher Bernhard Buiges ein angeblich samt Weichteilen erhaltenes, etwa 22000 Jahre altes Exemplar aus dem Permafrostboden der Taimyr-Halbinsel geborgen werden konnte, ist zweifellos vor etlichen Jahrtausenden ausgestorben. An Hand von Resten der sog. DNA (Desoxyribonukleinsäure, englisch Säure = acid, als Träger der Erbsubstanz) aus Zellkernen dieses Mammutexemplares soll versucht werden, das ausgestorbene Mammut (Mammuthus primigenius) als Art zu klonen, wobei ein Weibchen einer der nächstverwandten lebenden Arten, nämlich der indische Elefant (Elephas maximus) als »Muttertier« fungieren soll. Angesichts der nur unvollständigen DNA-Sequenzen vom eiszeitlichen Mammut und dem Gattungsunterschied zum indischen Elefanten ein wohl aussichtsloses Unterfangen, ganz abgesehen davon, daß beim Neufund die Voraussetzungen nicht gegeben sind.
Mit den Dinosauriern des Erdmittelalters und dem eiszeitlichen Mammut sind die wohl bekanntesten ausgestorbenen Tiere erwähnt, mit dem »Urzeitfisch« ist das vielleicht interessanteste »lebende Fossil« genannt, das uns im Kapitel 12 noch ausführlich beschäftigen soll.
Nun, lebende Fossilien sind ein faszinierendes Thema der Naturwissenschaften, das seit der Begründung des Begriffes »living fossil« durch Charles Darwin in seinem Werk über »Die Entstehung der Arten« (1859) immer wieder Anlaß zu kontroversiellen Diskussionen unter den Wissenschaftlern gegeben hat. Denn erst mit der Erkenntnis der (organismischen) Evolution und damit der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Lebewesen auf der Erde, ist dieses Thema überhaupt aktuell geworden. War man doch vorher der Meinung, Pflanzen und Tiere sowie der Mensch, seien von Gott erschaffen worden, sofern sie nicht, wie Insekten und dergleichen »Ungeziefer« einfach im Schlamm entstanden seien. Eine der wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang lautet: Ist das Tempo der Evolution konstant oder nicht? Nun, nach neuesten Erkenntnissen der Molekularbiologie gehen »molekulare Uhren« verschieden schnell (Kull 1999). Und, gibt es überhaupt lebende Fossilien und sofern ja wieso haben sie bis heute überlebt. D.h., auch Probleme des Aussterbens sind zu diskutieren. Immerhin muß eines klar sein. Bei allen besprochenen Beispielen ist stets der sog. Phänotypus, d.h. sein Erscheinungsbild durch die Summe aller Merkmale einer Art als das Ergebnis des Zusammenspiels zwischen Genotyp (als Gesamtheit aller Erbanlagen) und der Umwelt, berücksichtigt.
Daß damit auch Fragen nach den verwandtschaftlichen Beziehungen der Organismen untereinander und die Methoden zu ihrer Beurteilung diskutiert werden, erscheint verständlich. Denn ohne deren Kenntnis, die im sog. natürlichen System der Organismen zum Ausdruck kommen sollte, ist eine Behandlung des Themas lebende Fossilien sinnlos bzw. unmöglich.
Fossilien sind bekanntlich Versteinerungen, also Reste von Pflanzen und Tieren der Vorzeit und damit eigentlich Objekte der Paläontologie, der Wissenschaft vom Leben in der Vorzeit. Nun, hier soll jedoch nicht von Fossilien die Rede sein, sondern von gegenwärtig lebenden Organismen, also Objekten der Zoologie und Botanik, mit denen ich mich auch als Paläontologe seit den Anfängen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit befaßt habe, wobei stammesgeschichtliche Aspekte im Vordergrund standen. Eine langjährige Unterrichtstätigkeit in Paläozoologie und Paläobotanik ergänzte meine wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiet der Paläozoologie.
Erstmals im Jahr 1963 bei der Abfassung einer allgemein verständlichen Paläontologie im Rahmen der Reihe »Verständliche Wissenschaft« mit dem Thema lebende Fossilien konfrontiert, konnte ich 1965 eine Broschüre mit dem Titel »Lebende Fossilien. Zeugen vergangener Welten« im Rahmen der »Kosmos-Bibliothek« veröffentlichen, die seit Jahren vergriffen ist.
Es war daher für mich eine neuerliche Herausforderung als sich die Möglichkeit ergab eine Buchpublikation über das Thema lebende Fossilien zu verfassen, wofür ich Herrn Dr. Friedrich F. Pfeil vom gleichnamigen Verlag in München, herzlich danken möchte. Auch Frau Dr. Johanna Schlüter, vormals G. Fischer-Verlag in Jena, bin ich zu Dank verpflichtet, ebenso der Franckh'schen Verlagshandlung, Stuttgart, die mir die Rechte der Broschüre aus dem Jahr 1965 zurückgab. Dadurch ergab sich die Möglichkeit eine etwas ausführliche, dem heutigen Wissensstand entsprechende Darstellung zu verfassen.
Entsprechend der Thematik mußten vielfach Ergebnisse benachbarter Naturwissenschaften herangezogen bzw. diskutiert werden, die von der Geophysik, der (Paläo-) Klimatologie und Meeresbiologie über die Plattentektonik und Paläogeographie bis zur Genetik und Molekularbiologie reichen.
Die bisherigen, meist populärwissenschaftlichen Buchpublikationen über das Thema »Lebende Fossilien« reichen von M. Burton (1956) über W. Ley (1959), E. Thenius (1965), R. Silverberg (1966), C. Delamare-Debouteville & L. Botosanéanu (1970) und N. Eldredge & S. M. Stanley (1984) bis zu P. D. Ward (1993). Sie berücksichtigen fast ausschließlich lebende Fossilien der Tierwelt und da oft nur ausschnittsweise. Manchen dieser Bücher fehlt ein Literaturverzeichnis.
Im vorliegenden Buch, das nicht nur für Lehrer (-innen) an höheren Schulen und Studierende sowie Vertreter der Bio-und Erdwissenschaften gedacht ist, sondern auch einen breiteren naturkundlich interessierten Leserkreis ansprechen will, ist ein Überblick, angefangen mit den ursprünglichsten Organismen, den Archaebakterien, bis zu den Säugetieren, gegeben, wobei manchen Beispielen, entsprechend ihrer Bedeutung, ein größerer Raum gewidmet wurde.
Dieses vielschichtige Thema führt uns durch das ganze Pflanzen- und Tierreich und verschafft uns zugleich einen Einblick in die Biodiversität oder Artenvielfalt der Lebewesen in Form des Phänotyps, zumindest bei den Eukaryota (Organismen mit Zellen, die einen echten Zellkern besitzen). Es erscheint verständlich, daß bei Behandlung dieses Themas die Verwendung zahlreicher wissenschaftlicher Namen und Termini unvermeidbar ist. Letztere sind jeweils gleich im Text erläutert, so daß von einem Glossar (Erklärung von Fachausdrücken) abgesehen werden konnte. Dafür dienen eine Übersicht über das System der Organismen und eine erdgeschichtliche Tabelle als Orientierungshilfe. Den näher interessierten Leser führt ein Literaturverzeichnis zur Spezialliteratur. Fotos und graphische Darstellungen ergänzen den Text. Letztere (vor allem sog. »Stammbäume«) beruhen fast ausschließlich auf Entwürfen des Verfassers. Ein ausführliches Register soll die Benutzbarkeit des Buches erleichtern. Insgesamt gesehen, ist es weder ein Handbuch noch ein Lexikon über das Thema »lebende Fossilien«, sondern eine Zusammenstellung über die wichtigsten Beispiele aus der Pflanzen- und Tierwelt.