Aus der Amazon.de-Redaktion
Der lateinamerikanische Schriftsteller Gabriel García Marquez hat ein gutes Gedächtnis. Wenn man ihm glauben kann, dann haben wir so wundervoll geheimnisvolle, fantasievolle Romane und Erzählungen wie
Hundert Jahre Einsamkeit,
Chronik eines angekündigten Todes und
Liebe in Zeiten der Cholera nur diesem Erinnerungsvermögen zu verdanken. Denn eigentlich, so sagt Marquez im ersten Teil seiner Autobiografie
Leben, um davon zu erzählen, seien all diese Geschichten in den rätselhaften und erfindungsreichen Erzählungen seiner Großmutter bereits angelegt gewesen.
Marquez' Biografie steht ein Motto voran: "Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben", heißt es da, "sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen." Und so inszeniert der Autor seine Lebensgeschichte auch dick wie einen Roman: Nicht ganz so fulminant wie sein fiktives Werk (und sicher auch mit epischen Längen), aber spannend und voll Handlung. Begonnen hat er bei den Großeltern, einem pensionierten Oberst und seiner in einer Geisterwelt beheimateten Frau. Aber auch und vor allem von seiner Kindheit und Jugend, der Armut der Eltern, dem Leben in Kolumbien, den erfolgreichen Anfängen des späteren Schriftstellers als Journalist und von der Liebe erfährt man eine ganze Menge. Und das Haus der Familie in Aracataca, dass er 1950 mit seiner Mutter besuchte und von dem aus seine Lebensgeschichte retrospektkiv ihren Anfang nimmt, wird später in Hundert Jahre Einsamkeit aus tausend Worten wieder aufgebaut.
Als bekannt wurde, dass Gabriel García Marquez an Krebs erkrankt sei, mutmaßte die literarisch interessierte Öffentlichkeit, der Autor wolle sich zurückziehen aus dem Gebiet der Literatur. Stattdessen hat er ein opulentes Buch vorgelegt, das Dichtung und Wahrheit geschickt verbindet. Weitere Bände dieser imposanten Erinnerungsarbeit sollen folgen. Man darf also noch hoffen. --Thomas Köster
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 12.12.2002
Thomas Steinfeld nutzt die Rezension des Buches zunächst für eine Abrechnung mit dem lateinamerikanischen "magischen Realismus", den er als "wohlfeile" Verklärung erbärmlicher sozialer und politischer Verhältnisse durch die Phantasie verurteilt. Er sieht darin die "sentimentale Fabel von der erlösenden Kraft der Literatur", die für ihn nicht zuletzt von Marquez praktiziert wird. Aus diesem Grund gefällt ihm der erste Teil seiner Autobiografie nicht, die jetzt auch auf deutsch erschienen ist. Am besten scheint ihm in der Lebensbeschreibung noch die Darstellung der "gesellschaftlichen und politischen Zustände" um 1948 zu gefallen. Der Autor habe als "Augenzeuge" miterlebt, wie der linke Politiker Gaitan ermordet wurde, teilt Krumbholz mit. Der Rest des Buches sei "aufgelöst in Tausenden von Charakteren und Anekdoten", so der Rezensent gereizt, der die Schilderungen als "Abenteuer für gringos" abtut. Er wirft Marquez "Sentimentalität" vor und stöhnt über die vielen "furchtbaren Passagen", in denen dadurch seiner Ansicht nach "das Literarische" des Buches erheblichen Schaden erleidet. Am Ende bezichtigt Steinfeld den kolumbianischen Autor, in seiner Autobiografie vor allem "Reklame für sich selbst" zu betreiben und damit seine eigenen Erinnerungen zu Werbezwecken zu "verraten".
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Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.12.2002
Vor allem eine Liebeserklärung an die "Kunst des mündlichen Erzählens", aber auch ein "eminent politisches Buch" sieht Rezensentin Felicitas von Lovenberg in diesem ersten Memoirenband des großen Autors. Das Haus seiner Großeltern, der Rezensentin zufolge Schauplatz der ersten Kapitel des Buches, sei "märchenhaft bekannt" schon aus dem Roman "Hundert Jahre Einsamkeit". Nun erweise Marquéz diesem Haus samt Bewohner und Geistern als der Brutstätte seines Talents noch einmal Reverenz. Besonders wegen der in diesen Schilderungen enthaltenen Anekdoten ist dieser Teil für die Rezensentin eine besonders heitere Lese-Etappe gewesen. Doch auch sonst sieht sie Marquéz' Memoiren nur so von Hinweisen auf seine Bücher strotzen, was zum Lesevergnügen ebenfalls erheblich beigetragen hat. Für Wissbegierige dürften ihrer Einschätzung nach jene Kapitel von besonderer Bedeutung sein, in denen Marquéz von der Arbeit an seinem nie erschienenen Roman "La Casa" berichtet. Faszinierend und lehrreich findet die Rezensentin außerdem die politischen Exkurse über die Geschichte Kolumbiens, die sie zunächst noch beiläufig, dann immer eindringlicher geschildert fand. Genau wie seine Roman leben für die Rezensentin auch diese Erinnerungen von den vielen Namen, die dem "unruhigen jungen Literaten" auf seinem Weg durch das Land begegnen. Am meisten allerdings von der großen, sich regelmäßig vermehrenden Familie des jungen "Gabo" Marquéz.
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 24.12.2002
"Man erkennt es sofort", notiert Eberhard Falcke und sieht das mythische Macondo aus "Hundert Jahre Einsamkeit" neben dem echten Aracataca auferstehen, wohin der junge Marquez im Jahr 1950 mit seiner Mutter fährt, um das Haus der Familie zu verkaufen. Für Falcke ist dieser erzählerische Kunstgriff des Autors, der auf eben jener Reise, wie der Rezensent meint, eine Initiation seiner erzählerischen Fantasie erlebt und zu den familiengeschichtlichen Quellen seiner späteren Romane vorstößt, "eine fabelhafte Eröffnung" für den ersten Band (von vorgesehenen drei) der Garcia Marquez-Autobiografie. Die Reiseschilderung nimmt sich gegen die nachfolgende, anteilige Lebensgeschichte (bis zum Jahr 1955), die ansonsten chronologisch dargestellt wird, wie eine abgeschlossene Novelle aus, meint Falcke. Der ganze Rest hat ihm - mit Abstrichen, unter anderem dem Zeitdruck und Marquez' Krebserkrankung geschuldet, wie der Rezensent gnädig anmerkt - dennoch gefallen. Die Sprache scheint nicht ganz so reich, der Stoff nicht völlig gebändigt, heißt es kritisch, aber fesselnd bleibt Marquez' Lebensgeschichte, beispielsweise seine Jahre als Journalist unter den Bedingungen einer Diktatur, allemal. Bloß auf selbstanalytische Erkenntnisse des "geborenen Erzählers", der vielfach sich selbst zitiert, sollte man nicht hoffen, warnt Falcke.
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