In seiner Autobiografie "Mein Leben" schildert Mahatma Gandhi die ersten 60 Jahre seines Lebens. Er beginnt mit seiner Kindheit in Indien, leitet über zum Jurastudium in London, fährt fort mit seiner Zeit in Südafrika, wo Gandhi zum ersten Mal politisch aktiv wird, und endet schließlich mit der Schilderung der Jahre zwischen der Rückkehr in seine Heimat Indien und dem Salzmarsch, der in dieser Biografie nicht beschrieben wird, da er erst nach ihrem Erscheinen stattfand.
Im Rahmen der Vorbereitung auf eine Facharbeit über Mahatma Gandhi las ich kurz nach dieser Autobiografie auch eine Biografie über das Leben Mahatma Gandhis. Kein einziges Mal kam es dazu, dass die Biografie eine Information aus der Autobiografie als unwahr entlarvte, stattdessen wurde die Autobiografie in der Biografie ausgiebig zitiert. Mahatma Gandhis "Mein Leben" ist also keine literarische Selbstbeweihräucherung des Verfassers, vielmehr folgt Gandhi auch hier seinem strikten Wahrheitsgelübde. Gandhi blickt auf die reale Vergangenheit eines realen Gandhi früherer Tage zurück, ohne zu schönen oder zu verfälschen. Dies ist umso bemerkenswerter, da Gandhi auf sein eigenes Ich der Vergangenheit keineswegs immer stolz ist, sondern mit diesem hart ins Gericht zu gehen weiß und einige seiner Taten aus der Vergangenheit schlicht als Tragödien bezeichnet.
Haben wir es aber nur mit einem herausragend ehrlichen Überblick über einen Großteil des Lebens Mahatma Gandhis zu tun? Beileibe nicht. Der Gesinnungsethiker Gandhi beschreibt nicht nur seine Taten, sondern auch - und gerade - seine Gedanken. Stets erklärt er, welche Meinungen ihn zu welchen Taten geführt haben, und über welche Ereignisse er zu welchen Meinungen gelangte. Das sich daraus ergebende Wechselspiel von Gedanke und Tat vermittelt ein plastisches Bild Gandhis, es lässt uns Mahatma Gandhi verstehen. Wir lernen, dass Mohandas Karamchand Gandhi nicht als der gewaltlose Mahatma vom Himmel gefallen ist, sondern als völlig gewöhnlicher Mensch mit geringem Selbstbewusstsein. Wir lernen, dass seine Verwandlung von diesem Menschen zum bewunderten Mahatma kein unerklärliches Wunder ist, sondern Produkt eines sich mit der Zeit entfaltenden starken Willens, der durch ein ebenso starkes Gewissen und eine tiefe Religiösität in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Wir werden Zeuge des fantastischen Wandels Gandhis, wir lernen, dass ein solcher Wandel möglich ist und wie er möglich ist. So verleiht dieses Buch uns den Mut, selbst unseren Teil zur Verbesserung der Welt beizusteuern und Gandhis Aufforderung nachzukommen, der Wandel zu werden, den wir in der Welt sehen möchten. Niemand von uns muss ein zweiter Mahatma werden, aber jeder kann dazu beitragen, dass diese Welt ein kleines Stück gewaltloser, friedlicher, besserer Ort wird.
Kurzum: Dieses Buch ist ehrlich, vermittelt in ansprechendem Stil Wissen über Gandhis Leben und Meinungen und enthält eine Botschaft, die das Leben des Lesers verändern kann. Uneingeschränkte Kaufempfehlung!