Der Handlungsraum des Romans erstreckt sich über einen Zeitraum von vierzig Jahren. Im Mittelpunkt steht die Ich-Erzählerin, die verwitwete Gräfin von G*, die im Alter auf ihr Leben zurückblickt. Die Gräfin von G* wird als Tochter eines verarmten Livländers von Adel geboren. Mit sechzehn Jahren heiratet sie einen schwedischen Grafen. Infolge einer Hofintrige wird der Graf zum Tode verurteilt. Einige Tage vor seiner Hinrichtung überfallen die Russen das Dorf, in dem der Graf sich befindet, und schicken ihn als Gefangenen nach Moskau. Wenige Jahre später kehrt er zurück und nimmt die Ehe mit der Gräfin wieder auf. In diesem Roman kommen unzählige Personen vor, die bald sterben oder später keine wichtige Rolle mehr in der Geschichte spielen. Vor allem die Kinder werden nur kurz erwähnt um die auf die Erwachsenen bezogene Handlung besser verständlich zu machen. Selbst die Kindheit der Gräfin, denn schliesslich handelt die Geschichte von ihr, beschreibt Gellert nicht ausführlicher. Der Leser kann die Entwicklung der Gräfin nicht verfolgen. Er kennt nur die aufklärerische Erziehung, die sie bekommt, und deren Endprodukt. Auch während des Romans bekommt der Leser keinen Einblick in ihre Gefühlswelt; ihre Regungen werden fast immer mit denselben Worten beschrieben, mit denen sich der Leser keine genaue Vorstellung machen kann. Sie entschuldigt sich auch stets bei den Lesern für ihre knappe Beschreibung, indem sie schreibt, dass der Leser anhand dieser Worte ihre Gefühle nicht nachempfinden kann, sondern dass er dafür dabei sein muss. Dasselbe Verfahren wendet Gellert bei weiteren Figuren an. Genauer aber beschreibt er die rationalen Motive der Handlungen. In diesem Fall treten der Pietismus und die Empfindsamkeit zurück und im Vordergrund steht die Aufklärung. Im Gegensatz dazu stehen Mariane und Carlson, die nach der schlechten Nachricht, dass sie Geschwister sind, nur emotional handeln. Carlson ist meiner Meinung nach die Romanfigur, die Gellert am besten gelungen ist. Denn bevor er Mariane kennenlernt, handelt er rationalistisch, doch dann sind seine Gefühle so stark, dass sein Herz über den Verstand siegt. Er ist die einzige Figur, die in diesem Roman einmal raional und einmal emotional handelt, was ihn glaubhafter macht. Dieser Roman ist zu idealisiert, so dass ich als Leserin mich mit den Charakteren nicht identifizieren und nicht wirklich glauben kann, dass diese Moral in der Wirklichkeit umsetzbar ist. Bloss welche Moral? Die Botschaft Gellerts ist nicht klar. So gibt es, seinem christlich aufklärerischem Weltbild entsprechend, keine sozialen Gegensätze. Ein Beispiel ist die Heirat der Gräfin mit Herrn R*. Doch schliesslich finden der Graf und die Gräfin wieder zueinander, die ja vom gleichen Stand sind. Der Leser versteht das so, als würde eine Heirat zwischen verschiedenen Ständen kein gutes Ende nehmen. Auch die Beziehung des Grafen zu Caroline bringt nur Unglück. Jede Liebe in diesem Roman steht unter einem schlechten Stern, ausser die der sibirischen Gräfin und Steeley, denn sonst würde die Geschichte kein Ende finden. Und das Schicksal eines jeden wird entscheidend von der schwedischen Gräfin und vom Graf bestimmt. Dieser Roman besteht nur aus Missverständnissen und Zufällen, welche die Handlung vorantreiben. Die Romanfiguren sehen das als Vorsehung, von Gott gewollt. (Dies ist der einzig klare pietistische Zug in diesem Roman). Das bedeutet, dass Gott nur das Beste für sie will und sie sich damit zufrieden geben müssen. Trotzdem zweifeln der Graf und die Gräfin in manchen Situationen an Gott. Leider wird dieser innere Kampf von Gellert nicht weiter ausgebaut. Der Roman ist nicht besonders spannend, da ich beim Lesen schon den nächsten Schicksalsschlag erkenne und ich mir gut vorstellen kann, wie es weitergeht. Denn die Motive sind auch meistens diesselben. So zum Beispiel fügt der Prinz dem Grafen Schaden zu, bereut es und versucht seine schlechte Tat wieder gut zu machen. Dasselbe geschieht bei Mariane und Dormund und der schwangeren Frau und ihrem Verlobten. Noch ein Beispiel ist, dass die Menschen, welche die Geschichte des Grafen kennen, tief gerührt sind und voll Mitleid, so dass sie ihm helfen wollen. Dieser Beweis der Nächstenliebe und Freundschaft, die zu den zentralen Themen im Roman gehören, fordert später eine Gegenleistung. Daraus entsteht das Geben und Nehmen. Wer einen guten pietistischen, empfindsamen und aufklärerischen Roman lesen will, empfehle ich "Henrich Stillings Jugend und Jünglingsjahre" von Johann Henrich Jung-Stilling. Der Leser bekommt einen guten Einblick in diese Zeit. Er lernt die Romanfigur gut kennen, wächst und fühlt mit ihr. Ihre Empfindungen werden anhand der Natur genau beschrieben und sind nachvollziehbar. Ich weiss nicht, wieso die "Schwedische Gräfin" früher mal ein grosser Erfolg war. Vielleicht ist meine Generation schon durch den Fernseher "abgehärtet", so dass dieser Roman keine Spannung mehr bieten kann. Aber ich denke, dass er damals für die Menschen etwas Neues war und eine willkommene Abwechslung bot.
Jeannette Garcia, Graubündner Kantonsschule, 06.11.2000