Wer meine persönliche Einschätzung wissen möchte braucht nur den letzten kurzen Abschnitt lesen und nicht alles.
Walter Kohl beschreibt in seinem Buch seine subjektive Biografie, die dazu dient seine ganz persönliche Lebenskrise zu beschreiben, durch die er seinen inneren Frieden und ein ganz neues Leben gefunden hat.
Das zentral Thema ist sein als schicksalhaft erlebte Definition seiner Person nicht als er selbst, sonder als 'Sohn vom Kohl'. Bis nach Amerika ist er gegangen um endlich für sich selbst anerkannt zu werden und aus dem Schatten seines Vaters herauszutreten. Aber selbst dort hat ihn der Schatten des Vaters, 'der Sohn vom Kohl' wieder eingeholt.
Der Tiefpunkt seines Lebens ist wohl der Tod seiner Mutter, Hannelore Kohl, seine Ehe beschreibt er als gescheitert und beruflich sei alles leer und unerfüllt gewesen. Er sei nur noch eine Hülle, funktioniere nur noch und der Lebensstrom sei versiegt. Er habe sogar den Geschmackssinn verloren, es ginge nicht mehr weiter, dann noch die kindlich gnadenlose Frage seines Sohnes an ihn 'Papa, ist das Leben schön?'.
Hier findet der Wendepunkt statt, ich denke Walter Kohl hat sich jetzt selber dieser zentralen Frage gestellt, was den Titel diese Buches ausmacht. Es wird der Prozess beschrieben wie er aus dem Schatten seines Vaters und dem emotionalen Erbe seiner Mutter heraustritt und seinen eigenen Weg geht. Er löst sich endgültig von der Rolle des 'guten Sohnes' von Helmut Kohl als sein 'Assistent', der Preis ist hoch, er wird als 'Nichtkohlianer' eingeordnet und der Vater erteilt die Höchststrafe: Kontaktabbruch, du bist nicht mehr mein Sohn, das sagt er so nicht, so kommt es aber rüber.
Die Mutter suizidiert sich, es bricht alles zusammen. Seine Mutter beschreibt Walter Kohl als die wichtigste Bezugsperson voller Wärme und Liebe, sie war richtungweisend und ein sicherer Hafen in seinem Leben. Es ist soweit, er selber denkt daran sich das eigene Leben zu nehmen, plant dies sogar wie das genau von statten gehen soll.
Am Tiefpunkt seines Lebens und mit konkreten suizidalen Gedanken kommt wieder sein kleiner Sohn ins Spiel der ihn braucht und dessen bedingungsloses Vertrauen ihn ins Herz trifft und der die Verantwortung und den Lebenswillen seines Vaters wieder aktiviert.
Walter Kohl trauert um den nie wirklich anwesenden Vater und den Tod der Mutter und beginnt seinen eigenen Weg zu gehen, hört erstmals auf seine 'innere Stimme', hat es satt die Erwartungen seiner Umwelt zu erfüllen und das gelingt ihm auch. Er geht den Weg der Versöhnung mit sich selbst und dem Leben wie es sich ihm darbietet. Der Kontaktabbruch zu seinem Vater empfindet er als sehr schmerzhaft, aber es überkommt dem Leser das Gefühl, dass er damit wirkllich Frieden geschlossen hat. Er lebt jetzt sein eigenes Leben und hält weiter die Hand zu Versöhnung ausgestreckt, aber er bleibt bei sich, bleibt offen und hört auf Dinge ändern zu wollen die er nicht ändern kann und lernt das anzunehen was ihm das Leben dafür schenkt, und das größte Geschenk ist wohl sein Sohn und seine neue koreanische Ehefrau Kyung-Sook, bei der er lernt was 'wahre Liebe' sein kann, ihr hat er auch das Buch gewidmet. An keiner Stelle ist eine anklagende oder Vorwurfsvolle Haltung erkennbar, die Geschichte von Hannelore Kohl und von Helmut Kohl wird ganz nüchtern einfach und recht kurz beschrieben, er selber reflektiert und versteht und der Leser versteht auch.
Er bekommt eine bemerkenswerte Distanz ohne sich zu verschließen, nimmt seine Wurzeln an und wächst über diese und sich selbst hinaus.
Das Buch strahlt eine Ehrlichkeit und unglaubliche Authentizität aus. Ich muss sagen, es hat mich wirklich berührt. Es hat absolut nichts mit einer narzisstischen biografischen Selbstdarstellung so mancher 'hohen Herren' zu tun. Walter Kohl ist so verblüffend offen und ehrlich und gibt Einblick in den intimen Prozess seiner ganz persönlichen Krise und den Ausbruch aus dem 'Opferland' und der Selbstaufgabe, das macht ihn groß, er hat etwas zu sagen, das hat er getan und es ist eine Bereicherung, vielen Dank für dieses gelungene Buch.