Oskar Maria Graf war ein Vielschreiber, das ist gut so. Nur deshalb ist uns so viel Zeitkolorit aus der Weimarer Epoche verblieben. Wer sich für bayerische Geschichte begeistert, der muss auch Oskar Maria Graf lesen. Nun zu seinem Werk "Das Leben meiner Mutter": Er hat es erst in seinem Exil in New York zu Papier gebracht. In diesem Band beschreibt er seine Kindheit in der Nähe von Berg am Starberger See. Eine harte Zeit wird beschrieben, in der sich auch die Familie Graf mit ihrer Bäckerei sehr anstrengen muss, um über die Runden zu kommen. Das Verhältnis zu seinen Geschwistern ist nicht unproblematisch. Besonders an seinem älteren Bruder zeichnet er sehr subtil auf, wie einer durch seine Denkungsart ein willfähriges Instrument für die Mitglieder in der künftigen Nazi-Bewegung werden kann. Der Vater stirbt und die Mutter versucht die Familie zusammen zu halten, auf ihre besondere stille Weise. Sie wird als der Typ Frau aus dem einfachen Volk gezeichnent, die sich mit Worten schwer tut - oft muss ein Seufzer oder ein Streicheln über den Kopf genügen. Aber sie hat einen ganz wachen Verstand. Als auch der Sohn Oskar das Haus verlässt und sich allmählich in der Halbwelt der Münchner Künstlerkreise niederlässt, kann sie sein Handeln zwar nicht nachvollziehen, aber sie versteht es einfach. Eine Mutter halt. Zusammengehalten wird die Geschichte mit der typischen bayerischen Klangfärbung. Oh nein, Graf muss nicht auf besondere Dialektelemente zurückgreifen, ihm gelingt es allein durch den Satzbau, das typisch Bayerische darzustellen. Das ist eine Kunst, die nichts mit Bayerntümelei zu tun hat. So kann nur einer schreiben, der seine Heimat über alles liebt und den Leuten sehr genau zuhört. Graf ist auch der Spezialist für humorvolle Detailschilderungen. Ganz besonders konnte er sich an Szenen ergötzen, wenn einer der "braunen Wichtigmacher" gerade durch seine Aufgeblasenheit sich der Lächerlichkeit preisgab. Ein lautes Lachen vermeint man durch die Buchseiten zu hören. Nein, in diesem Buch wird keineswegs durch billige Effekthascherei eine Lanze für das Bayerische gebrochen. Es ist sehr gut lesbar, äußerst unterhaltsam und durch die zeitgeschichtlichen Darstellungen absolut zeitlos. Auch jüngere Leser können sich garantiert dafür begeistern. Bei mir hat das Buch einen Ehrenplatz, wie so viele Oskar Maria Graf Werke.