Peter Härtling gelingt in "Leben lernen - Erinnerungen", was vielen Autobiographien mangelt: Er vermag es, sein Leben derart mitzuteilen, dass der Leser sich nicht hölzern an Stationen eines Lebens abarbeiten muss, sondern einen Menschen gern und mit Vergnügen durch sein Leben begleitet. Auf leichte und leise Art schildert Peter Härtling die Stationen seines Lebens, die Schwierigkeiten einer Flüchtlingsgeneration und dennoch die darin enthaltenen Chancen, sich ein neues Leben in einer zunächst fremden Welt aufzubauen.
"Leben lernen - Erinnerungen" ist kein Buch, das den Leser mit sprachgewaltigen Sätzen fesselt, kein Buch, das mit ausgefeilter Komposition den Leser bannt. Es ist ein Buch, das auf seine ehrliche Weise einbezieht, ohne zu drängen, den Leser sanft zum Autor hinführt. An keiner Stelle hat man den Eindruck, Peter Härtling halte etwas zurück oder verschweige dem Leser Unangenehmes. Vielmehr vermeint man, einen sympathischen und aufrichtigen Mann kennen zu lernen, der Rückschläge nicht als Hemmnisse, sondern als Zeichen zum Neubeginn sieht und dessen Liebe der Familie und der Literatur gehört. Und folgerichtig nimmt die Literatur eine gewichtige Rolle in seinem Leben ein, als Begleiterin und Gefährtin. Dabei gelingt es Peter Härtling durchgängig, die Rolle der Kunst und des Theaters dem Leser in einer sanften Form mitzuteilen, ohne die oftmals bedrückende Schwere, die beispielsweise die Autobiographie Marcel Reich-Ranickis vermittelte.
Peter Härtlings große Stärke ist es, sein fortgeschrittenes Leben noch immer als beweglich darzustellen. Der Leser hat niemals den Eindruck, dass der Autor sein letzte Gestaltung schon gefunden, seine Persönlichkeit endgültig abgerundet und -geschlossen hat: "Das alt gewordene Ich sammelt ein. An manchen Tagen nimmt die Müdigkeit mich gefangen. Anfangs habe ich mich ihr widersetzt, nun nicht mehr. Es treten auch Schmerzen auf, die ich vorher nicht kannte. Sie gehören dem Ich, das ich noch werde."
"Leben lernen - Erinnerungen"" ist die Schilderung eines Lebens, das in der Liebe, der Freundschaft und der Literatur zuhause ist. Auf leichte und unaufdringliche Art und Weise gelingt es Peter Härtling, den Leser in diese Heimat mitzunehmen - eine Einladung, die man gerne und bedenkenlos annehmen kann!