Zu allen Zeiten haben Menschen darüber nachgedacht, wie menschliches Leben zu interpretieren sei, welchen Sinn es habe und ob es eine Unterscheidung geben kann zwischen einem gelungenen Leben und einem, das man als gescheitert bezeichnen muß, weil es seinen Sinn verfehlt hat oder anderen Zielvorstellungen folgte, die ins Verderben führten. Schon in den vorchristlichen Jahrhunderten haben die griechischen Philosophen versucht, auf diese schwierigen Fragen nicht-religiöse Antworten zu geben. In Abgrenzung von den Religionen versuchte Luc Ferry schon in seinem letzten Buch, sich der Heilsfrage von der philosophischen Tradition her zu nähern.
Das zentrale Datum allen Fragen nach dem Sinn menschlichen Lebens und nach dem Heil ("wie können wir gerettet werden ?") ist die Frage nach der Endlichkeit des Lebens, die brutale Tatsache des Todes und wie man damit umgeht. Bedient sich vor allem die christliche Religion einer religio, einer Rückbindung an ein höheres Wesen, Gott, um diese Fragen zu beantworten, verlässt sich die Philosophie einzig auf die eigene Kraft und die Vernunft.
"Mit anderen Worten, wenn die Religionen sich selbst als ,Lehren zur Erlangung des Heils' durch einen anderen, nämlich Gott, verstehen, so könnte man die großen Philosophien definieren als Doktrinen zur Erlangung des Heils durch sich selbst, ohne die Hilfe Gottes."
Wenn aber auch die Philosophie die Endlichkeit des Lebens anerkennt, ihr der transzendente und religiöse Weg verschlossen bleibt aus Vernunftgründen, dann muß sie erst recht und radikal die Frage beantworten, was man mit diesem begrenzten Leben anfangen soll, wenn es gelingen und Sinn machen soll. Welche Kriterien gibt es dafür, welche Ziele und Geisteshaltungen ?
All dies konnte man in dem Vorgängerwerk "Leben lernen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung" lernen, dass aus einer spontanen philosophischen Ferienschule entstanden war.
Das neue Buch über "Die Weisheit der Mythen" ist grundsätzlicher Art, auch nicht mehr in der wohltuend dialogischen Form seines Vorgängers geschrieben,obwohl er den Leser mit Du anredet, sondern es ist ein philosophisches Lehrbuch über die griechische Mythologie von höchster Aktualität. Denn diese Mythen, die noch vor kurzem zum Bestand jedes klassischen Bildungskanons gehörten, mittlerweile aber leider aus der "Allgemeinbildung" herausgefallen sind, sind viel mehr als eine lockere Sammlung alter Legenden von Göttern und Helden.
Luc Ferry arbeitet in seinem umfangreichen Werk schön heraus, dass diese Mythen nach wie vor ihre aktuelle Bedeutung haben, sieht er in ihnen doch Vorstufen und Vorformen von Philosophie. Auch in diesen alten Geschichten wird immer wieder die Frage nach gelingendem Leben, nach dem was richtig ist und falsch gestellt und es werden Antworten versucht.
In einer Welt, in der die Religion für viele Menschen ihre einst mächtige Kraft verloren zu haben scheint, bei dieser Frage authentische und wahrhaftige Antworten zu geben, können die Philosophie und die alten Mythen, aus denen sie sich einmal entwickelt hat, vielleicht hilfreiche Hinweise geben.
Ohne klassische Vorkenntnisse ist das Buch schwer zu lesen; dennoch sei es auch für philosophische Anfänger empfohlen.