"Ruchloses Spiel" ist der zweite historische Kriminalroman des englischen Lehrers und Sachbuchautors Martin Stephen um den wohlhabenden Gelehrten und gewieften Meisterspion Sir Henry Gresham.
London 1612. Hochbrisante und kompromittierende Liebesbriefe König Jakobs I. an seinen Günstling Sir Robert Carr sind ebenso entwendet worden wie zwei äußerst wertvolle Dramenmanuskripte aus der Hand William Shakespeares. Auf Letzteren wird zudem im Globe-Theater auf offener Bühne ein Mordanschlag verübt.
Henry Gresham, der mit der Wiederbeschaffung der Dokumente betraut wird, kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass seine hohen höfischen Auftraggeber ihm einige wichtige Hintergrundinformationen verschweigen - und dies obwohl sich bald ein dringend Tatverdächtiger für beide Diebstähle ermitteln lässt. Bei diesem handelt es sich um einen dubiosen Buchhändler aus Cambridge, hinter dessen Fassade sich kein Geringerer als der bereits seit zwei Jahrzehnten tot geglaubte Shakespearekollege und -rivale Christopher Marlowe verbirgt.
Dem Autor ist auch diesmal ein recht unterhaltsamer Roman gelungen, der dem Leser nebenbei einiges an Informationen über das England des frühen 17. Jahrhunderts vermittelt. Mir persönlich gefallen besonders - und dies bedeutet einen Fortschritt gegenüber der "Pulververschwörung" - die verbalen Schlagabtäusche zwischen dem Helden und seinen skrupellosen hochwohlgeborenen Auftraggebern, in deren Verlauf man auf höchstem Niveau und in geschliffener Form die gegenseitige Verachtung zum Ausdruck bringt.
Christopher Marlowe als rachsüchtigen Desperado zu präsentieren, der 1593 nicht in einer schäbigen Schankwirtschaft erstochen sondern klammheimlich ins Ausland abgeschoben worden ist, wirkt nicht über die Maßen originell. Er war schon vielen Zeitgenossen suspekt aufgrund seiner Neigungen zu Atheismus und Päderastie, was beides mit dem Todes bestraft werden konnte, sowie seiner zeitweiligen Spionagetätigkeit. Zu weit treibt es der Autor jedoch mit seiner dichterischen Freiheit, wenn er Robert Cecil, den Ersten Staatssekretär, im Jahr 1602 - kurz vor Elisabeths I. Tod - aktiv den Plan verfolgen lässt, die spanische Infantin anstelle König Jakobs von Schottland auf den englischen Thron zu heben. Dies wirkt geradezu absurd angesichts der erst vierzehn Jahre zuvor erfolgten Bedrohung Englands durch die spanische Armada und die seitdem zumindest unter den Anglikanern und Puritanern verbreitete Furcht vor einem katholischen Umsturz.
Die Handlung schließt mit einer eigenständigen Erklärung hinsichtlich der nicht enden wollenden Diskussion um die Autorenschaft von Shakespeares Werken. Auch hier kann man über die Originalität streiten. Es sei nur so viel verraten, dass zwischen Shakespeares Qualitäten als Sonettdichter einerseits sowie als Dramatiker andererseits deutlich unterschieden wird.